Sonderausstellung: Maschen - Mode - Macher. Deutsche Strumpfdynastien

 

 
 

Zwischen verführerischem Nylon und bequemer Tennissocke liegen Welten, und doch haben beide vieles gemeinsam. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) lädt ab Sonntag (25.3.) im Textilwerk Bocholt zu einer Entdeckungsreise in die Welt der Strümpfe und ihrer Produktion ein. In der Sonderausstellung "Maschen - Mode - Macher. Deutsche Strumpfdynastien" zeigt das LWL-Industriemuseum in der Spinnerei 150 Jahre deutsche Strumpfgeschichte.

Maßgeblich geprägt wurde die Branche von Familienunternehmen wie Bahner, Kunert und Falke, von denen einige bis heute den Markt prägen - sie werden in der Ausstellung vorgestellt. Die im Kern vom Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) entwickelte Schau präsentiert sich in Bocholt mit einer westfälischen Erweiterung: Vorgestellt wird erstmals das Horstmarer Unternehmen "Schulte & Dieckhoff", das Anfang der 1960er Jahre mit der Marke "nur die" und einem revolutionären Verkaufskonzept zum weltweit größten Anbieter von Feinstrümpfen wurde. Der Inhaber, Fritz-Karl Schulte, galt als der König der Branche.

Mit mehr als 800 Exponaten zeigt die Ausstellung jedoch nicht nur die Geschichte der Dynastien und ihrer Produkte. Die Welt der Arbeiterinnen steht gleichwertig neben diesen beiden Themenfeldern. An Maschinen von damals und heute erleben die Besucher außerdem hautnah die Technik, die hinter der Produktion der feinen Maschen steckt. "Die Strumpfdynastien sind eine ideale Ergänzung unserer Dauerausstellung 'Die Macher und die Spinnerei'. Auch hier geht es um Unternehmen, um ihre Strategien und ihren Einfluss auf Markt und Gesellschaft. Mit dem Strumpf rückt dazu ein besonders reizvolles Kleidungsstück in den Focus", erklärte Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums, am Dienstag (20.2.) bei der Vorstellung der Ausstellung in Bocholt. Bevor die Ausstellung nach Bocholt kam, wurde sie im LVR-Industriemuseum in Ratingen gezeigt.

Die Mode
Auf 600 Quadratmetern Ausstellungsfläche können die Besucher im Erdgeschoss der Spinnerei nicht nur einen Streifzug durch die Welt der Produktion, sondern auch durch die Modegeschichte unternehmen. "Als Kleidungsstück aus der zweiten Reihe orientierte sich der Strumpf stets an den vorherrschenden Trends", weiß Kurator Martin Schmidt vom Textilwerk Bocholt. Während der Reifrock des 19. Jahrhunderts das weibliche Bein komplett verdeckte, wurde der Strumpf mit ausgefallen Mustern und Farben in den 1920er Jahren zum "Beindekolleté". Der Minirock sorgte schließlich in den 1960er Jahren für eine Weiterentwicklung des Strumpfes, der bisher an Haltern und Hüftgurten befestigt wurde: Die Strumpfhose wurde erfunden. Christa Frins vom Textilwerk ergänzt: "In dieser Zeit fand der Strumpf auch den Weg vom Fachgeschäft in den Massenverkauf an den Supermarktkassen". Strumpfautomaten, die Ersatz bei Laufmaschen-Problemen anboten, wurden an zentralen Orten aufgehängt.

Die sinnliche Ästhetik der Strumpfwerbung, die mit erotischen Reizen und moralischen Tabubrüchen spielte, entwarf Bilder von Frauen, die solchen Idealisierungen in der Realität nur selten entsprachen. Ob mit erotischen, mondänen, sportlichen oder witzigen Werbekampagnen - auf unterschiedliche Weise gelang es den Unternehmen, positiv im Gedächtnis der Kundinnen zu bleiben. Die Ausstellung vermittelt dem Besucher diesen Werdegang des Marketings, der Strumpf und Socke eine Bühne bietet. Außerdem hinterfragt sie, mit Hilfe der "Sendung mit der Maus", wohin die Socken in der Waschmaschine verschwinden.

Die Unternehmen
Es ist heute kaum noch bekannt, dass das sächsische Chemnitz um 1900 nicht nur das Zentrum der deutschen, sondern der weltweiten Strumpfindustrie war. Das Unternehmen "Moritz Samuel Esche" gehörte zu den erfolgreichsten Industrieunternehmen der Stadt, das mit seinem Export schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts global agierte. Herbert Eugen Esche (1874-1962) ging neue Wege der gesellschaftlichen Repräsentation und ließ sich und seine Familie von dem berühmten norwegischen Maler Edvard Munch porträtieren. Eine Reproduktion des Munchschen Porträts steht im Zentrum der Ausstellungseinheit.

Ebenfalls aus Sachsen (Oberlungwitz) stammten die Bahners, die das später "Elbeo" genannte Unternehmen Ende des 19. Jahrhunderts gründeten. Ein wichtiger Faktor, der die Unternehmensgeschichte prägte, war das Streben nach höchster Produktqualität sowie der exklusive Umgang mit dem Fachhandel. Sie waren es, die den ersten Perlonstrumpf vor 80 Jahren produzierten. Außerdem verfolgten die Bahners schon früh die Markenbildung und setzten Akzente in der sozialen Verantwortung für ihre Mitarbeiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg richtete sich die mitgliederreiche Familie Bahner in Westdeutschland neu aus und wirkte am Wirtschaftswunder mit. Die britische Wochenzeitschrift "Economist" adelte "Elbeo" zum Rolls-Royce der Strumpfindustrie.

Die Zwischenkriegszeit wurde für das Familienunternehmen Kunert in Böhmen zum Erfolg. Bereits 1938 stieg die Firma zum größten Strumpfhersteller Europas auf. Als Alternative zur Naturseide setzte das Unternehmen konsequent auf Kunstseide. Das Sortiment umfasste nur wenige, dafür aber sehr ausgereifte Artikel. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog es die Kunerts ins Allgäu. Nach einigen Startschwierigkeiten übernahm die Firma 1978 den großen Konkurrenten Hudson und wurde damit abermals zur Nummer 1 in Europa. Von Anfang an legten die Kunerts Wert auf hochwertige Garne und entwickelten ihre eigene Faser: Chinchillan.

Während Kunert und Elbeo nur noch als Marken existieren, ist Falke bis heute als familiengeführtes Strumpfunternehmen im sauerländischen Schmallenberg erfolgreich. Ab 1957 fertigte Falke für das international bekannte Modeunternehmen Christian Dior Damenfeinstrümpfe. Als Designer für Herren-Oberbekleidung machte sich der anfangs noch unbekannte Giorgio Armani bei Falke erstmals einen Namen. Bis heute begreifen sich die Falkes nicht nur als Strumpfhersteller, sondern in erster Linie als Mode-Unternehmen. Ihren Anspruch an die eigene Marke spiegelt die Zusammenarbeit mit international renommierten Modefotografen wie F.C. Gundlach oder Helmut Newton wieder. Die daraus entstandenen ästhetisch hochwertigen Werbekampagnen stehen im Mittelpunkt der Ausstellungseinheit zur Firma Falke.

Die Presse nannte ihn den Strumpfkönig. In der dritten Generation baute Fritz-Karl Schulte um 1960 das Unternehmen "Schulte & Dieckhoff" zum Weltmarktführer aus. "Mit billig produzierten Massenartikeln zu niedrigen Preisen brach der Macher aus dem Münsterland in Märkte ein, auf denen es keine beherrschenden Großunternehmen gab", weiß Martin Schmidt, der die Geschichte des Unternehmens aus Horstmar für die Ausstellung aufbereitet hat. Täglich wurden 750.000 Paar Feinstrümpfe und zusätzlich über 80.000 Feinstrumpfhosen in den Werken in Horstmar, Coesfeld, Rheine, Stadtlohn, Stadtallendorf, Feinfeld, Herne und Dortmund produziert. Doch wer so hoch fliegt, kann auch tief stürzen... Auch diese Geschichte erzählt die Ausstellung.

Die Arbeiterinnen
Ohne die Arbeiterinnen wäre der Erfolg vieler Unternehmer in der Strumpfindustrie nicht realisierbar gewesen. Die Strumpfbranche war vorwiegend der Arbeitsplatz für Frauen, die bis zu 70 Prozent der Belegschaften ausmachten. Viele Beschäftigungen galten als Anlernberufe, auch wenn sie hohes Geschick erforderten. "Um die Spitze des fertig gestrickten Strumpfes zu schließen, musste beispielsweise beim Ketteln, Masche für Masche einzeln von Hand miteinander verbunden werden", so LWL-Museumsleiter Dr. Hermann Josef Stenkamp. Nach dem Krieg stiegen die Beschäftigungszahlen in der westdeutschen Strumpfindustrie von etwa 10.000 auf circa 37.000 Anfang der 1970er Jahre. Mit den Unternehmen waren auch viele qualifizierte Arbeitskräfte aus Sachsen und Böhmen nach Westdeutschland gekommen. Ergänzt wurden die Belegschaften später durch die sogenannten "Gastarbeiter" besonders aus Italien, Südosteuropa und der Türkei. 

(Foto: In der Dämpfkammer erhalten die Strümpfe auf Schablonen ihre endgültige Form. Foto: LWL / Holtappels)

Weitere Informationen:
http://www.lwl.org/industriemuseum/ausstellungen


Veranstaltungsort:
LWL-Industriemuseum - TextilWerk, Spinnerei
Industriestr. 5
46395 Bocholt

 
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Veranstaltungsort: LWL-Industriemuseum - TextilWerk, Spinnerei, Industriestr. 5, 46395 Bocholt
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