Ein todbringender Kuss

 
 

 
 
 

Zahlreiche Schlösser und Burgen zeugen im Münsterland von längst vergangenen Zeiten. Einige von ihnen erheben sich pompös und beeindruckend über die Landschaft, andere wiederum liegen hinter Wäldern und dichtem Grün gut versteckt am Wegesrand. Eines der schönsten Schlösser ist sicherlich das Schloss Velen - wenngleich es über einen seiner früheren Bewohner wenig Gutes zu berichten gibt.

So soll dereinst ein Graf auf Schloss Velen gewohnt haben, der zwar im Ruf stand, stets ausgesucht höflich zu jedermann zu sein, aber in seiner Seele ein verdorbener, heimtückischer Mensch war, der keine Skrupel kannte, wenn es um seine eigenen Machtansprüche und die Bestrafung der Fehler seiner Untergebenen ging. Und so begegnete dem Grafen jeder, der ihn traf, mit dem größten Respekt, aber auch mit der allergrößten Vorsicht.

Eines Tages geschah es, dass des Grafen liebstes Pferd, das sich stets bester Gesundheit erfreut hatte, an einer unbekannten Krankheit völlig unerwartet starb. Im Schloss Velen und sogar darüber hinaus war bekannt, wie sehr der Graf an dem Tier gehangen hatte. Ein jeder rechnete mit dem Schlimmsten, wenigstens aber mit einem Zornesausbruch des Grafen, der die Mauern des alten Schlosses zum Beben bringen würde, wenn er die Nachricht erhalten würde.

Doch nichts dergleichen geschah, als ihm einer seiner Knappen vom Tod des Tieres schließlich kleinlaut berichtete. Minutenlang blickte der Graf stumm an dem Überbringer der schlechten Nachricht vorbei und schließlich forderte er ihn mit ruhiger Stimme dazu auf, er möge den Stallmeister zu ihm bringen. Der junge Mann nickte und rannte so schnell er konnte davon, den Stallmeister zu holen, erleichtert, dass er selbst von weiteren Repressalien verschont geblieben war.

Der Stallmeister war ein alter Mann, der seinem Herrn gedient hatte, solange er denken konnte und der nach einem Unfall mit einem Pferd auf einem Bein lahmte. Leise schlurften seine Schritte durch die weiten Gänge des Schlosses zum Saal, in dem ihn der Graf bereits erwartete. Der Adelsmann stand neben der Statue einer anmutigen Frau mit langem, wallenden Haar und feinen Gesichtszügen, die sie fast wie lebendig erscheinen ließen.

"Ist sie nicht wunderschön?", fragte der Graf als der Alte eintrat, ohne ihn dabei anzusehen. Der Alte nickte nur und schaute die Statue an und war wie verzaubert von ihrer Schönheit. "Mein bestes Pferd hast du verenden lassen, alter Mann", setzte da der Graf wieder an. "Aber ich will gnädig sein und dir verzeihen. Gib dieser Schönheit einen Kuss, dann soll alles vergessen sein", sagte er und ging einige Schritte zurück.

Der alte Stallmeister wusste nicht, was er tun sollte. Doch der Ton in der Stimme des Grafen schien keinen Widerspruch zu dulden. Und so trat der Alte an die Statue der schönen Frau heran und gab ihr einen zaghaften Kuss. In dieser Sekunde öffnete sich unter seinen Füßen unvermittelt eine große Falltüre und mit einem entsetzten Schrei, der von den Gewölben widerhallte, fiel der alte Stallmeister in die finstere Tiefe und niemand hat ihn je wieder gesehen.

Wo diese Statue im Schloss Velen stand, wo sie nun steht und wo sich die geheimnisvolle Falltüre verbirgt, weiß heute niemand mehr. Möglicherweise wartet sie nur auf ihre nächsten Opfer… So wie dem alten Stallmeister soll es im Laufe der Jahre übrigens noch vielen Untergegeben und Bauern der Gegend gegangen sein. Auch ihre sterblichen Überreste wurden bis auf den heutigen Tage nicht gefunden.

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