„Hohes Wachstumstempo nicht zu halten“

 
 

 
 
 

Münsterland / Emscher-Lippe-Region – Die Wirtschaft im Münsterland und der Emscher-Lippe-Region fährt weiter auf Wachstumskurs, schaltet allerdings einen Gang zurück. Das zeigen die Ergebnisse der aktuellen Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nord Westfalen.

Dr. Fritz Jaeckel, Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen
Dr. Fritz Jaeckel, Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen

Fachkräftemangel, Handelskonflikte, steigende Roh- und Energiestoffpreise, aber auch politische Unsicherheiten drücken die Stimmung der Unternehmen spürbar. „Das bisherige Wachstumstempo wird nicht zu halten sein“, folgerte IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Fritz Jaeckel heute (8. Oktober) bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse in Münster. Das Ende des Aufschwungs ist aber nicht in Sicht. Jaeckel: „Denn nach wie vor sind die binnenwirtschaftlichen Auftriebskräfte intakt.“

Im IHK-Konjunkturklimaindikator ist der Stimmungsumschwung sichtbar. Der Wert, in dem die Beurteilung der aktuellen Geschäftslage und die Erwartungen der Unternehmen für die nächsten Monate zusammengefasst werden, fällt von 135 Punkten zum Jahreswechsel auf jetzt 125 Punkte. „Damit liegen wir aber immer noch neun Punkte über dem langjährigen Durchschnitt“, unterstrich Jaeckel die insgesamt gute Gesamtverfassung der Wirtschaft in Nord-Westfalen.

„Derzeit laufen die Geschäfte rund“, fasste Jaeckel die Bewertungen der aktuellen Geschäftslage zusammen. 96 Prozent der Unternehmen beurteilen sie mit „gut“ oder „befriedigend“, nur ganz wenige sind nicht zufrieden. Als „herausragend“ bezeichnete der IHK-Hauptgeschäftsführer die Lage der Bauwirtschaft, „die sich vor Aufträgen kaum retten kann“. Die Geschäftslage wird von der Branche sogar noch besser beurteilt als vor einem halben Jahr.

Auch in Handel, Industrie und im Dienstleistungssektor ist die Zufriedenheit der Unternehmen mit den laufenden Geschäften nach wie vor groß, wenngleich die Spitzenwerte der vorherigen Umfrage nicht ganz erreicht werden. Während der Handel weiter auf den unverändert robusten privaten Konsum bauen könne, bewege sich die Industrie bereits in unruhigerem Fahrwasser. Jaeckel: „Noch ist die Auftragslage in der Industrie insgesamt gut, das Polster dürfte bis zum Jahresende reichen. Doch die Luft wird dünner.“

Das spiegeln auch die Erwartungen der Unternehmen wider. Ganz besonders die internationalen Handelskonflikte sowie steigende Energie- und Rohstoffpreise drücken die Stimmung bei den produzierenden Betrieben. Ihre Exporterwartungen hat die regionale Industrie deutlich nach unten revidiert. Erstmals seit vier Jahren rechnen mehr Unternehmen mit einen Rückgang der Ausfuhren als mit einem Zuwachs. „Das muss zu denken geben, denn in einer exportorientierten Wirtschaft können Störungen im internationalen Handel ganze Wertschöpfungsketten gefährden“, sagte Jaeckel. „Strafzölle auf deutsche Autos treffen eben auch die Zulieferer bei uns in der Region und wiederum deren Werbeagentur oder Lohnunternehmer.“

Aus diesem Grund ist es für Jaeckel auch nicht überraschend, dass in allen Wirtschaftsbereichen die Betriebe eine „nachlassende konjunkturelle Dynamik“ erwarten. Noch größer als die Sorge über die einbrechende Auslandsnachfrage ist branchenübergreifend die Sorge über den Fachkräftemangel, der als größtes Konjunkturrisiko eingeschätzt wird. „Für uns ist das ein klares Signal, unsere Unternehmen weiter durch Projekte wie Passgenaue Besetzung, Ausbildungsbotschafter oder Azubi-Speed-Dating bei der Fachkräftesicherung zu unterstützen“, kündigte Jaeckel an.

Denn Fachkräfte braucht die regionale Wirtschaft nach wie vor. Das ist ein weiteres Ergebnis der Konjunkturumfrage. 27 Prozent der Unternehmen wollen die Belegschaft vergrößern, 14 Prozent rechnen mit einem Beschäftigungsabbau. „Die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen, insbesondere im Handel und in der Baubranche, bleibt hoch“, unterstreicht IHK-Hauptgeschäftsführer Jaeckel und sieht den Arbeitsmarkt dank der guten Binnenkonjunktur in „prächtiger Verfassung“. Seit 2005 sind im IHK-Bezirk Nord Westfalen rund 180.000 Voll- und Teilzeitarbeitsplätze geschaffen worden. Die Arbeitslosenzahlen im Münsterland signalisieren Vollbeschäftigung. „Aber auch in der Emscher-Lippe-Region erreichen sie historische Tiefstände“, freut sich Jaeckel.

Nicht nur der Arbeitsmarkt produziert gute Nachrichten. Auch die Investitionsneigung bleibt hoch. Jedes dritte Unternehmen plant, in den kommenden Monaten mehr zu investieren. Nur jedes achte will die Ausgaben hierfür reduzieren. „Die günstigen Finanzierungskonditionen machen es den Unternehmen derzeit leichter, Ersatzbeschaffungen zu finanzieren, die Kapazitäten auszubauen oder Innovationen anzuschieben“, so Jaeckel. Dass für Unternehmen im Münsterland Rationalisierung ein stärkeres Investitionsmotiv ist als für die Betriebe im nördlichen Ruhrgebiet, lässt für ihn nur eine Deutung zu: „Der Mangel an Fachkräften trifft die Wirtschaft im Münsterland noch stärker. Er zwingt sie dazu, noch effizienter zu werden.“

Die Konjunktureinschätzung der IHK stützt sich auf eine repräsentative Befragung von 500 Unternehmen im Münsterland und der Emscher-Lippe-Region mit rund 95.000 Beschäftigten. Die Umfrage wurde im Spätsommer (August/September) durchgeführt.


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