Stadtgeschichte Lüdinghausen

 
 

 
 
 

Lüdinghausen - Die schriftlich artikulierte Geschichte Lüdinghausens beginnt mit einer Urkunde vom 6. Dezember des Jahres 800, die besagt, daß ein gewisser Senelhard und sein Schwiegersohn Walfried ihr gesamtes Erbe mit allen Rechten an Wald, Wiesen, Flußläufen und Äckern zu Ludinchusen dem Liudger zum Nutzen der Kirche schenken.

Es handelt sich hierbei um eine sogenannte "umfassende Schenkung", es wird also nicht ein Grundstück oder ein Hof verschenkt, sondern ein ganzes Erbe, bestehend aus den zwei Oberhöfen Ludinchusen (dem heutigen Lüdinghausen) und Forkingbeke (Hof Forkenbeck, heute Schulze Forsthövel in der Bauerschaft Aldenhövel zu Lüdinghausen) mit über dreißig Unterhöfen, deren Besitzer aber nicht namentlich aufgeführt werden. Liudger, vom fränkischen König (dem späteren Kaiser Karl d.Gr.) mit den Vorbereitungen zur Gründung einer Diözese in Mimigernaford (später Münster genannt) beauftragt, hatte 799 zu Werethinum an der Ruhr (heute Essen-Werden) ein Eigenkloster gestiftet und vermachte diesem seinen neugewonnenen Besitz zu Lüdinghausen, welcher bis 1802, also über eintausend Jahre, grundbesitzrechtlich damit verbunden blieb.

Liudger, 805 zum ersten Bischof der neuen Diözese geweiht, errichtete ein geordnetes Pfarrsystem. Zu den Urpfarreien gehörte auch Lüdinghausen mit Olfen und Seppenrade, die beiden letzteren wurden später abgepfarrt, nachdem dort Eigenkirchen entstanden waren. Liudger starb 809 und wurde schon frühzeitig als heilig verehrt, obwohl Nachrichten über einen Heiligsprechungsprozeß nicht bekannt sind. Tibus nimmt an, daß die erste Kirche in Lüdinghausen schon von Senelhard und Walfried errichtet wurde, also eine Eigenkirche war, deren Grund und Boden vom Oberhof abgetrennt wurde. Der Standort der Kirche ist unbekannt. Die 1037 eingeweihte romanische Kirche hat an Stelle der jetzigen spätgotischen St.-Felizitas-Kirche gestanden (Bauzeit 1507-1558), bei der Anlegung einer Fußbodenheizung wurden die Fundamente der alten Kirche gefunden. Die Lage der Kirche am Rande der Stadt, nicht im Zentrum - wie sonst üblich, hatte zwei Gründe:

1. Die Kirche sollte vor Brandkatastrophen geschützt werden. Tatsächlich ist sie bei den sechs großen Stadtbränden immer verschont worden - das Pastorat brannte nur einmal ab.

2. Innerhalb des bebaubaren Gebietes sollte eine größere Siedlung entstehen. Der Bau einer größeren Kirche und damit verbunden die Anlage eines Friedhofes im höher gelegenen Siedlungszentrum wurde dadurch ausgeschlossen. Andere Grundstücke kamen wegen der jährlichen Überschwemmungen durch die Stever nicht in Betracht.

Der Ort blühte auf das ist auf die Verleihung des Markt- und Münzrechtes durch Kaiser Otto II. 974 an den Abt Folkmar von Werden zurückzuführen. Nun konnte die Siedlungstätigkeit ausgeweitet werden. Als Besitzer des Oberhofes verteilte der Abt von Werden die Grundstücke gegen einen Zins, der "Wortgeld" genannt wurde.

Die Verleihung von Markt- und Münzrecht war für die Äbte von Werden auch insofern wichtig, als Lüdinghausen zeitweise - bis um 1250 - die VDie Verleihung von Markt- und Münzrecht war für die Äbte von Werden auch insofern wichtig, als Lüdinghausen zeitweise - bis um 1250 - die Verwaltungszentrale des Klosters für das südliche Münsterland war. Zum einen konnten die Naturalabgaben nun in Geldleistungen umgewandelt werden, die Lagerhaltung und der schwierige Transport von Naturalien nach Werden entfiel, zum anderen brachte die Marktsteuer den Äbten zusätzliche Einnahmen.

So ist es nicht erstaunlich, daß schon um das Jahr 1000 Lüdinghausen als ein blühender Marktort bezeichnet wird. Dazu hat auch beigetragen, daß der Ort Schnittpunkt zweier wichtiger mittelalterlicher Straßenverbindungen war: die als Pilgerstraße bezeichnete Nord-Südwest-Verbindung von Tecklenburg über Münster - Lüdinghausen - Sülsen (bei Olfen) und Oer nach Duisburg und die West-Ost-Verbindung von Wesel - Haltern - Seppenrade - Lüdinghausen über Drensteinfurt nach Lippstadt und Paderborn. Verschiedene Münzfunde in Gebieten an diesen Straßenverbindungen bestätigen dies.

Im Jahr 1138 begegnen wir zum ersten Male einem Angehörigen der Familie von Lüdinghausen, als der Abt von Werden einen Jacob von Lüdinghausen mit dem Schulzenhof Forkenbeck belehnte. In der Folgezeit erlangt diese Familie durch enge Beziehungen zu Werden die Gerichtsbarkeit und das Markt- und Münzrecht. Sie erwirbt einen eigenen großen Gutsbesitz und mehrere Freistühle.

Durch die Belehnung mit der Werdener Untervogtei durch die Grafen von Isenburg, später Grafen von Limburg, gelangte diese Familie zu großer Macht und hohem Ansehen. Ihre Herkunft ist nicht klar zu belegen, jedoch tragen sowohl Bernhard von Lüdinghausen-Wolff als auch sein Bruder Hermann von Lüdinghausen um 1270 den zweischwänzigen Wolf im Wappen, ebenso wie der um 1260 gestorbene letzte Ritter von Seppenrade.

Letzterer wurde in der alten Kirche von Olfen begraben, ein Recht, das nur Mitgliedern der Stifterfamilie zustand, so daß eine Verbindung zu vermuten ist mit jenem Uolf von Ulfloa (= Olfen), der 833 dem Kloster Werden ein Grundstück schenkt und zu Olfen eine Eigenkirche gegründet hat. Über drei Jahrhunderte treten Mitglieder dieser Familie als Ministerialen der Fürstäbte von Werden, als Amtmänner (officiati) der Fürstbischöfe von Münster auf und unterzeichnen in deren Gefolge viele Urkunden als Edle (nobiles) und Ritter (milites), wir finden sie als Domherren zu Münster sowie als Burgmänner zu Patzlar und Botzlar und Gründer neuer Linien zu Füchteln bei Olfen, Füchten an der Ruhr, zu Scheidingen und Loh, zu Bellinghausen und Hovestadt.

Aus der letzteren Linie ging der Fürstbischof Heidenreich von Lüdinghausen-Wolff (1382-1392) hervor, der Stifter der heute noch durchgeführten Großen Prozession in Münster. Die ursprünglich nur als Verwalter eingesetzten Herren von Lüdinghausen konnten zu Rittern und lnhabern erblicher Lehen aufsteigen, die an die Abtei nur einen jährlichen Zins zu zahlen hatten.

Auch das Münzrecht übten sie zeitweise eigenmächtig aus, wie eine Münze aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts mit der Umschrift beweist: Her. Dom. de Lud. = Hermann Herr von Lüdinghausen. Die Fürstbischöfe von Münster mußten immer wieder durch kriegerische Unternehmungen ihre Landeshoheit gegen die mächtigen Adelsfamilien durchsetzen, so 1242 in der Schlacht in Ermen bei Lüdinghausen gegen die Ritter von Meinhövel und 1271 gegen die Ritter von Lüdinghausen und Lüdinghausen-Wolff, einer ab diesem Jahr datierten Nebenlinie, welche heute noch existiert.

Der Bischof ordnete die Schleifung der eigenmächtig angelegten Ortsbefestigung sowie der ebenso eigenmächtig neu erbauten Wolfsburg an. Ob dieses wirklich durchgeführt wurde, ist aus den Urkunden nicht ersichtlich. Bischof Gerhard von der Mark traf eine weitere Vorsichtsmaßnahme: Er schloß noch im Lager vor Lüdinghausen einen Vertrag mit dem Ritter Albert Droste (eigentlich von Wulfheim) und übergab diesem die vor Lüdinghausen gelegene Burg Vischering zum Schutz gegen die Herren von Lüdinghausen.

Diese Familie Droste, in der Nachfolge die Familie Graf Droste zu Vischering, Erbdroste, ist heute noch Eigentümer dieser Burg. Doch die Lüdinghauser gaben nicht auf: 1308 erhob Hermann von Lüdinghausen gemeinsam mit seinem Vetter Heidenreich von Lüdinghausen-Wolff den Ort eigenmächtig zur Stadt. Sie übten damit ein Recht aus, das nur dem Landesherrn zustand. Lüdinghausen war zwar nie de jure als Stadt anerkannt und wurde auch nicht landtagsfähig, doch wird Lüdinghausen als sogenannte Minderstadt einzustufen sein, denn schon 1380 finden sich Richter und Schöffen und später Bürgermeister und Ratsherren.

Die Wolfsburg war bereits 1353 durch Erbgang an die Familie von Hake gekommen, die Lüdinghauser Familie starb 1443 mit Ludolf aus. Diesen wichtigen Besitz wollte der Fürstbischof von Münster sich sichern und bewarb sich beim Abt von Werden um die Belehnung, die er auch noch zu Lebzeiten Ludolfs erhielt.

In Geldverlegenheiten haben die Bischöfe die Herrlichkeit Lüdinghausen öfter verpfänden müssen, zuletzt an den Domkellner Dietrich von Heiden, dessen Testamentsvollstrecker den gesamten Besitz dem Domkapitel zu Münster als Erben zusprachen. So wurde von 1509 bis 1802 jeweils ein Vertreter des Domkapitels vom jeweiligen Abt von Werden mit der Herrschaft Lüdinghausen belehnt. Das Domkapitel hatte damit eine eigene Stadt und Burg und kam öfter in Lüdinghausen zusammen, besonders in Kriegs- und Notzeiten. 1532 wurde zweimal ein Fürstbischof in der jetzt domkapitularischen Burg gewählt: am 27. März Erich von Braunschweig und nach dessen plötzlichem Tod am 1. Juni Franz von Waldeck. Sofort nach Antritt seiner Herrschaft erließ das Domkapitel ausführliche Bestimmungen über Polizei-, Feuerlösch- und Verteidigungswesen. Da nach dem Aussterben der Ritter von Lüdinghausen die Bürger selbst die Stadt verteidigen mußten, ist zwischen 1443 und 1509 auch die Entstehung der Schützengilde zu datieren. 1448, also fünf Jahre nach dem Tod Ludolfs, des letzten Ritters von Lüdinghausen, wird vom ersten großen Brand berichtet, bei dem 32 Menschen den Tod fanden. Fünf weitere große Brände sollten folgen, die jeweils die Stadt oder große Teile derselben einäscherten und deren Daten an den dicken Säulen in der St.-Felizitas-Kirche verewigt sind: 17.10.1568, 13.12.1594, 25.8.1619, 8.11.1692 und am 10.10.1832.

Die Stadt war in drei Bezirke eingeteilt: die Langenbrückenstraßen-, Münsterstraßen- und Mühlenstraßenleyschaft. An der Spitze stand jeweils ein Rottmeister, dem die Bürger bei Feuer und Kriegsgefahr unterstellt waren. Die meisten Orte im Münsterland haben wohl eine Münsterstraße, der Name ist also leicht zu deuten. Die Mühlenstraße hat ihren Namen von der alten Stadtmühle, auf dem heutigen Gelände von Raesfeldhaus und Geiping gelegen, ehe 1406 die neue Borgmühle erbaut wurde. Die heutige Langenbrückenstraße ist nur ein Rest der früheren Straße dieses Namens, denn die drei Brücken, nach denen sie benannt wurde, liegen auf der heutigen Steverstraße.

Das Domkapitel erließ auch Bestimmungen über die Wahl von Bürgermeister und Rat und zwar dergestalt, daß sechs "Churherrn" (Kurgenoten) die zwei Bürgermeister, den Rentmeister und neun Ratsherren zu wählen hätten, und zwar jeweils drei aus jeder Leyschaft. Die drei ersten Ratsherren sollten zugleich bei der Bürgerschützengilde die Stellen des Kapitäns, des Leutnants und des Fähnrichs übernehmen.

Der bedeutendste Vertreter des Domkapitels, welcher in Lüdinghausen residierte, war Gottfried von Rapsfeld. Er baute 1573 die Burg neu auf, dessen einer Flügel heute noch erhalten ist, stiftete ein Armenhaus und einen Geldfonds zur Anstellung eines Schulmeisters. Ein weiteres Armenhaus wurde 1648 von Dietrich von Hake zu Patzlar gestiftet, es ist das heute noch erhaltene, nach ihm benannte Hakehaus an der Wolfsberger Straße. Hatte Lüdinghausen wie fast alle münsterischen Städte unter den Fehden und Kriegen sowie den Feuersbrünsten zu leiden gehabt, so hielt die Natur noch ein weiteres Übel bereit: die jährlichen Überschwemmungen im Frühjahr und im Herbst. So schreibt der päpstliche Gesandte Fabio Chigi 1648 bei seiner Durchreise: Lüdinghausen liege an einem See. 1783 wird zum erstenmal von einer Regulierung der Vischering-Stever berichtet. Der Bau der Ostenstever in den 30er Jahren unseres Jahrhunderts war schon segensreich, aber erst die vor einigen Jahren durchgeführte Gesamtregulierung der Stever wird wohl endgültig die Hochwassergefahren gebannt haben.

Die Stadt selbst blieb ein Ackerbürgerstädtchen, in dem auch die Handwerker, Pfeifendrechsler, Holzschuhmacher, Weber und Brauer Ackerbau betrieben und Vieh hielten. Die Stadt konnte sich nicht weiter ausdehnen, einmal wegen der schlechten Wasserverhältnisse, zum anderen wegen der aus früherer gemeinsamer Rodetätigkeit entstandenen "Gemeinheiten", einem Vermögen an Grund und Boden, dessen Nutzungsrechte an den Häusern "hafteten" und das wie ein unveräußerlicher Ring die Stadt umschloß.

Nach jahrzehntelangen Verhandlungen kaufte die Stadt 1904 den Grund und Boden auf. Die an der Wolfsberger Straße aufgestellte Struckskuh mit dem letzten Hirten Weidemann erinnert noch an die Zeiten der Gemeinweiden. Sofort siedelten sich dort mehrere Betriebe an: kleine Maschinenfabriken, Sägewerke und Ziegeleien, eine Stuhlfabrik und zwei Baustoff- und Kohlenhandlungen folgten. Die Stadt selbst blieb ein Ackerbürgerstädtchen, in dem auch die Handwerker, Pfeifendrechsler, Holzschuhmacher, Weber und Brauer Ackerbau betrieben und Vieh hielten. Die Stadt konnte sich nicht weiter ausdehnen, einmal wegen der schlechten Wasserverhältnisse, zum anderen wegen der aus früherer gemeinsamer Rodetätigkeit entstandenen ?Gemeinheiten?, einem Vermögen an Grund und Boden, dessen Nutzungsrechte an den Häusern ?hafteten? und das wie ein unveräußerlicher Ring die Stadt umschloß. Nach jahrzehntelangen Verhandlungen kaufte die Stadt 1904 den Grund und Boden auf. Die an der Wolfsberger Straße aufgestellte Struckskuh mit dem letzten Hirten Weidemann erinnert noch an die Zeiten der Gemeinweiden. Sofort siedelten sich dort mehrere Betriebe an: kleine Maschinenfabriken, Sägewerke und Ziegeleien, eine Stuhlfabrik und zwei Baustoff- und Kohlenhandlungen folgten, ebenso wie die heute noch existierende Kornbranntweinverwertungsstelle (1985). Ein Segen für Lüdinghausen und die weitere Umgebung war der Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte Bau des Antoniusklosters der Franziskanerinnen von Nonnenwerth, dem später eine höhere Töchterschule angegliedert wurde und das heute das städtische Gymnasium und ein Altenheim beherbergt.

Das 1869 unter Pfarrer Rohling erbaute Krankenhaus ist großzügigen Neubauten gewichen, während die 1956 erbaute Ludgerikirche an der Bahnhofstraße die Seelsorgearbeit der Felizitasgemeinde entlastet. Das vor einigen Jahren am Stephanusweg erbaute neue evangelische Gemeindezentrum war notwendig geworden, da die 1859 erbaute Kirche an der Klosterstraße den Ansprüchen allein von der Größe her nicht mehr genügte.

Die politische Geschichte der Stadt Lüdinghausen seit Anfang des vorigen Jahrhunderts ist durch den tiefen Einschnitt der Auflösung des Fürstbistums Münster 1802 gekennzeichnet. Durch den Reichsdeputationshauptschluß wird Lüdinghausen preußisch und 1804 Kreisstadt. 1806 wird diese Einteilung wieder aufgehoben und 1808 nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon zunächst dem Großherzogtum Berg zugeschlagen, später dem Kaiserreich Frankreich. Nach dem Wiener Friedensschluß wird Lüdinghausen wieder preußisch und 1816 auch wieder Kreisstadt und zugleich Sitz des Stadtgerichtes, des späteren Amtsgerichts. 1837 wird die revidierte Städteordnung eingeführt, wodurch Lüdinghausen eine eigene Bürgermeisterei erhielt, Seppenrade und Lüdinghausen-Land ein Amt bildeten. Das blieb im wesentlichen so, bis 1975 Stadt und Landgemeinde mit Seppenrade zur Stadtgemeinde vereinigt und der Kreis Lüdinghausen aufgelöst wurde. Seitdem ist Lüdinghausen in den Kreis Coesfeld integriert.

Quelle: KREIS COESFELD, Laumann-Verlag Dülmen

Mit freundlicher Genehmigung der Bezirksregierung Münster


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