Neue Sonderausstellung über das Gehirn im LWL-Museum für Naturkunde

 
 

 
 
 

Münster (lwl) - Einmal seinem Gegenüber in den Kopf schauen. Erfahren, was darin vorgeht, wie sich eine Persönlichkeit formt, Gefühle entstehen oder Pläne geschmiedet werden. Verstehen, wie man versucht, Intelligenz zu messen. Das ist möglich in der neuen Sonderausstellung "Das Gehirn - Intelligenz, Bewusstsein, Gefühl", die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in seinem LWL-Museum für Naturkunde in Münster zeigt.

LWL-Direktor Matthias Löb beim Ausprobieren einer Mitmach-Stationen der neuen Ausstellung. Foto: LWL/Steinweg
LWL-Direktor Matthias Löb beim Ausprobieren einer Mitmach-Stationen der neuen Ausstellung. Foto: LWL/Steinweg

In der deutschlandweit größten Sonderausstellung zum Thema "Das Gehirn" können Besucher ab Freitag (29.6., bis 27.10.19) dieses besondere Organ erkunden. 

Auf 1.200 Quadratmetern erfahren die Museumsgäste Fakten zu Themen wie Sinneswahrnehmung, Ich-Bewusstsein oder Verhaltenssteuerung. Anatomie und Evolution des menschlichen Gehirns werden facettenreich und für alle Altersgruppen geeignet erklärt, Fragen zur Künstlichen Intelligenz und zur Tierwelt beantwortet. 

"Das Gehirn des Besuchers schaut sich in der Ausstellung sozusagen selbst bei der Arbeit zu", so LWL-Direktor Matthias Löb. Für ihn sei besonders interessant, wie Maschinen das Leben der Menschen schon heute veränderten. "Wir sprechen inzwischen mit Künstlichen Intelligenzen, als hätten sie ein Bewusstsein - am Telefon beim Pizza bestellen, beim Navigieren im Auto oder Zuhause, wo wir ihnen teils blind vertrauen." Die Ausstellung wolle zeigen, welche Fähigkeiten lernfähige Maschinen bereits besitzen und an welchen Stellen man sie hinterfragen solle. Die Frage, was den Menschen ausmache, sei durch die Wissenschaft nicht mehr so eindeutig zu beantworten. Löb: "Emotionen waren lange den Menschen vorbehalten. Aber auch Tiere sind ängstlich oder aggressiv - vielleicht haben sie Gefühle, nur etwas anders als wir."

Die 13 Themenbereiche der Ausstellung zeigen die Leistungsfähigkeit und Vielfalt des Gehirns. Durch 770 Ausstellungsstücke wird Wissenswertes etwa zu den Leistungen und der Entwicklung dieses komplexen Organs oder über die Hirnforschung vermittelt. Allein 71 echte Gehirne, sowie 65 Tastmodelle und 63 Medienstationen haben die Ausstellungsmacherinnen Nicola Holm und Dr. Julia Massier gemeinsam mit Kuratorin Lisa Klepfer unter der Leitung von Museumsdirektor Dr. Jan Ole Kriegs zusammengetragen und inszeniert. 

Vielfalt im Gehirn und in der Ausstellung

Ausstellungsmacherinnen Nicola Holm (li.) und Dr. Julia Massier (re.) haben gemeinsam mit Museumsdirektor Dr. Jan Ole Kriegs und Kuratorin Lisa Klepfer die neue Sonderausstellung vorbereitet. Foto: LWL/Steinweg
Ausstellungsmacherinnen Nicola Holm (li.) und Dr. Julia Massier (re.) haben gemeinsam mit Museumsdirektor Dr. Jan Ole Kriegs und Kuratorin Lisa Klepfer die neue Sonderausstellung vorbereitet. Foto: LWL/Steinweg

Im Bereich der Wahrnehmung ist Köpfchen gefragt, bei den Emotionen und den Körper-Geist-Interaktionen wird das eigene Empfinden hinterfragt. Ein ganzer Ausstellungsbereich beschäftigt sich mit Schlaf und Traum, aber auch psychische Erkrankungen, Drogen und Verhaltenssteuerung werden thematisiert. 

"Es geht in der Ausstellung auch um intelligente Menschen und Tiere. Zudem wird die Frage beleuchtet, ob Künstliche Intelligenzen, in Form von Computeralgorithmen, eher Segen oder Fluch sind, wenn sie mehr und mehr in unseren Alltag eingreifen", erläutert Kriegs.

Höhepunkte - Einstein, Picasso und ein Londoner Taxi

Die anatomische Vielfalt von Gehirnen zeigt die Ausstellung "Das Gehirn - Intelligenz, Bewusstsein, Gefühl". Foto: LWL/Steinweg
Die anatomische Vielfalt von Gehirnen zeigt die Ausstellung "Das Gehirn - Intelligenz, Bewusstsein, Gefühl". Foto: LWL/Steinweg

Die anatomische Vielfalt von Gehirnen wird in einem gesonderten Raum, der "Galerie der Gehirne", mit insgesamt 71 Gehirnen vorgestellt. 65 Stücke davon stammen aus der "Edinger-Tiergehirnsammlung", der größten Wirbeltiergehirn-Sammlung Deutschlands. Das eigens präparierte und plastinierte Nervensystem eines Berberaffen erlaubt einen seltenen Blick in die anatomischen Zusammenhänge. 

Darüber hinaus ist die seltene Erstausgabe von 1520 des mathematischen Regelwerks von Adam Ries(e) zu sehen. Handwerklich begabte Tiere, kreative Maschinen und lernfähige Pflanzen überraschen. Als besonderer Höhepunkt gelten zwei Schnittpräparate von Albert Einsteins Gehirn, die für die Ausstellung aus dem Mütter Museum in Philadelphia (USA) eingeflogen wurden. 

Ein weiteres herausragendes Objekt ist ein jungsteinzeitlicher Menschenschädel aus Warburg. Er zeigt erste Spuren von Schädeloperationen vor 5.400 Jahren in Westfalen und wird vom LWL-Museum für Archäologie zur Verfügung gestellt. Das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster bereichert die Sonderausstellung durch eine Original-Lithografie von Picasso. Gezeigt wird außerdem ein detailliert gezeichnetes Panorama Londons von Stephen Wiltshire. Und ein original Londoner Taxi verkündet gute Nachrichten über die anhaltende Lernfähigkeit von Erwachsenen. 

Junge, frische Ideen zur Ausstellungsgestaltung haben Studierende vom Fachbereich Design der Fachhochschule Münster beigesteuert. Seit 1997 arbeitet das LWL-Museum mit Prof. Cordula Hesselbarth und ihren Studentinnen zusammen. Herausgekommen sind für diese Sonderausstellung sechs Semesterarbeiten und eine Bachelorarbeit.

Künstliche Intelligenzen und neuer Museumsmitarbeiter

Der Museumsroboter KIM und ein Museumspädagoge des LWL-Museums für Naturkunde führen zukünftig gemeinsam Erwach-senengruppen durch einen Teil der neuen Ausstellung. Foto: LWL/Steinweg
Der Museumsroboter KIM und ein Museumspädagoge des LWL-Museums für Naturkunde führen zukünftig gemeinsam Erwach-senengruppen durch einen Teil der neuen Ausstellung. Foto: LWL/Steinweg

Ein weiteres besonderes Ausstellungsstück ist einer der Prototypen eines Roboters auf dem Weg zur Künstlichen Intelligenz, die kybernetische Maschine "MM7 Selektor", eine Leihgabe des Technischen Museums Wien. Der Visionär Claus Christian Scholz-Nauendorff entwickelte 1962 diesen sogenannten Maschinenmenschen Nummer 7. Er bewegte sich auf Rollen und konnte mechanisch Arme, Augen und Mund bewegen. Scholz-Nauendorff warb damit, dass MM7 auf Sprachbefehle hin als Haushaltshilfe dienen könnte. "Eine damals noch weit entfernte, aber aus heutiger Sicht nicht unmögliche Zukunftsvision", sagt Ausstellungsmacherin Dr. Julia Massier. "MM7 konnte noch keine Berechnungen durchführen, doch er war ein Meilenstein der Robotik." 

Ganz andere Fähigkeiten hat der neue, mechanische "Museumsmitarbeiter", der Roboter "KIM": Eine 3D-Kamera im Kopf und eine ausgefeilte Sensorik für ein sicheres Navigieren durch das Museum gehören zu seiner Grundausstattung. Als Bereicherung für die Museumspädagogik ist KIM einerseits selbstständig im Museum unterwegs, führt Museumsgäste durch bestimmte Ausstellungsteile und erzählt Wissenswertes zu ausgewählten Objekten. Andererseits arbeitet er Seite an Seite mit einem Museumspädagogen, mit dem er gemeinsam im Rahmen von Gruppenführungen für Erwachsene die Höhepunkte der neuen Ausstellung vorstellt. "Er kann für bestimmte Räume und Objekte programmiert werden und fährt dann selbständig dort hin", sagt Ausstellungsmacherin Nicola Holm. Führungen mit KIM und einem Museumspädagogen sind im Servicebüro des LWL-Museums für Naturkunde buchbar.

Eine Ausstellung zum Mitmachen

Eine der 30 Mitmach-Stationen lädt zum visuellen Erkunden der Geschmackssinne ein. Foto: LWL/Steinweg
Eine der 30 Mitmach-Stationen lädt zum visuellen Erkunden der Geschmackssinne ein. Foto: LWL/Steinweg

Die Sonderausstellung lebt von einer Mischung an medialen und analogen Mitmach-Stationen. Besucher können zum Beispiel ihre Geschicklichkeit beim Lösen von Schlösserboxen testen, ein Kooperationsspiel ausprobieren, erfahren wie Tiere die Welt wahrnehmen oder ihr Kurzzeitgedächtnis überprüfen. 

Eine Menschenfigur mit auffallend vergrößerten Lippen, Ohren , Händen und Füßen sitzt auf einer Bank im Ausstellungsbereich "Sinneswahrnehmung". "Bei dieser Figur, wir nennen sie "Homunculine", wurden die Körperteile entsprechend der hohen Anzahl an Tastsensoren in der Haut vergrößert dargestellt. Je höher die Anzahl an Tastsensoren, desto größer sind auch die entsprechenden Bereiche in der Fühlrinde des Großhirns, die die Tastreize verarbeiten", erklärt Ausstellungsmacherin und Kuratorin Lisa Klepfer. Auch in der Haut von Tieren sind die Tastsensoren unterschiedlich dicht verteilt und die Bereiche ihrer Fühlrinden sind dementsprechend vergrößert. Beim Maulwurf ist dies zum Beispiel bei der Nasenpartie der Fall, beim Kaninchen sind es die Tasthaare. Alle drei Exponate laden die Besucher im Sinne der Inklusion zum Betrachten und Tasten ein. 

Hintergrund zur Ausstellung

Das LWL-Museum für Naturkunde in Münster zeigt vom 29. Juni 2018 bis zum 27. Oktober 2019 die inklusive Sonderausstellung "Das Gehirn - Intelligenz, Bewusstsein, Gefühl". Auf 1.200 Quadratmetern lernen Besucherinnen die anatomische Vielfalt und die enormen Leistungen dieses komplexen Organs kennen. Die Ausstellung ist dank Brailleschrift, einem mehrsprachigen Audioguide (D, E, NL) mit Audiodeskription, Tastmodelle und untertitelten Filmen für Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen geeignet. Alle Ausstellungsbereiche sind für Gehbehinderte und Familien mit Kinderwagen zugänglich. Begleitend zur Ausstellung gibt es museumspädagogische Programme für Kinder und Jugendliche von Kindergarten bis Sekundarstufe II, Führungen für Erwachsene, Werkstattnachmittage, Vorträge sowie Literarische Rundgänge. Ein Begleitbuch und ein Hörbuch zur Ausstellung werden im Sommer erscheinen.

Die Ausstellung wird durch die Förderung der LWL-Kulturstiftung ermöglicht und von der ZEIT Akademie als Medienpartner unterstützt.


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