Herr Oberpräsident zum Küchendienst auf Schloss Crassenstein

 
 

 
 
 

Vom Oberpräsidenten der preußischen Provinz Westfalen, Ludwig Freiherr von Vincke, der sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgreich für das Prinzip der Selbstverwaltung eingesetzt hat und zu allen Schichten der Bevölkerung ein vertrautes Verhältnis hatte, werden manche Geschichten erzählt. Eine davon, die sich in Diestedde zugetragen haben soll, sei hier wiedergegeben.

Vor mehr als 150 Jahren also machte sich in den frühen Stunden eines herrlichen Sommermorgens der Oberpräsident von Vincke auf den Weg, um den Bürgermeister der Bürgermeisterei Liesborn, zu der auch Diestedde gehörte, den Baron von Wendt, zu besuchen.Es war eine der Angewohnheiten des Oberpräsidenten, unvermutet bei Bürgermeistern und Landräten aufzutauchen, um zu sehen, ob diese auch morgens für ihre Bürger zu sprechen seien.

Zünftig gekleidet in blauem Kittel, mit Schirmmütze und Wanderstock kam von Vincke, seine Pfeife rauchend, auf Schloss Crassenstein an. Er war sehr überrascht, das Schloss in tiefer Ruhe anzutreffen. Weit und breit sah er keine Menschenseele. Schließlich bemerkte er die offen stehende Küchentür und hörte, dass dort leise eine Melodie gesummt wurde. Neugierig trat er ein und entdeckte die Köchin, die das herrschaftliche Frühstück zubereitete. Nach freundlichem Gruß verlangte er, den Herrn Bürgermeister zu sprechen.

„Das ist jetzt nicht möglich!“ gab die resolute Köchin dem Oberpräsidenten zu verstehen, den sie für einen Viehhändler hielt. „Aber nehmen Sie mal hier im Vorraum Platz. Gleich melde ich Sie!“ Ohne sich jedoch weiter um den frühen Gast zu kümmern, setzte sie ihre Arbeit fort. „Der kann warten!“ entschied sie.

Als von Vincke schließlich nach etwa einer Stunde Wartens unruhig wurde und energisch nach dem Herrn Baron verlangte, erklärte die gute Köchin Josefa: „Mein Herr! Ich kann jetzt nicht weg. Sie sehen selbst, dass ich die Milchsuppe koche. Sie muss ununterbrochen gerührt werden, damit sie nicht überkocht und nicht anbrennt.“ Der Oberpräsident erklärte sich bereit, das Rühren der Milchsuppe zu übernehmen, wenn die Köchin nur ja den Herrn Baron rufe.

Zaghaft klopfte Josefa dann endlich an die Schlafzimmertür des Baron von Wendt und sagte, nachdem sie hereingebeten worden war, dass in der Küche ein Viehhändler auf den Herrn Baron warte. Unwillig und noch halb verschlafen knurrte Friedrich Wilhelm von Wendt: „Was ist denn das für ein Bäuerlein?“ Josefa beschrieb ihn zum Schrecken ihres Herrn recht treffend: „Es ist ein alter Mann. Er sieht aber aus wie ein Kind und rührt jetzt die Suppe in der Küche.“

Mit einem Satz sprang der Freiherr aus seinem Bett, einen nicht gerade freiherrlichen Fluch auf den Lippen, der in der Feststellung endete: „Das ist der Herr Oberpräsident!“ Schlagartig erinnerte er sich nämlich an einen Ausspruch seines Königs Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Der König hatte, als man ihm den Oberpräsidenten von Vincke zum ersten Male vorstellte, gefragt: „Macht man denn jetzt schon Kinder zu Oberpräsidenten?“ – so jugendlich nämlich sah der Freiherr von Vincke aus.

Und in der Tat, als Herr von Wendt in die Küche kam, sah er vor dem riesigen Gutsherd den Oberpräsidenten stehen, der die Milchsuppe rührte.

(Auszug aus „850 Jahre Diestedde – Das Nikolausdorf in Vergangenheit und Gegenwart“, herausgegeben von Erich-Werner Brüggemann im Auftrag des Heimatvereins Diestedde.)

Für den Text bedanken wir uns herzlich beim Heimatverein Diestedde.


Empfehlungen für Lengerich!

Loading...
Loading...
 
 
 

 
 
 
 

Mehr Tipps für Lengerich