Eine münsterländische Halsbandaffäre

 
 

 
 
 

Eine weitere - historische - Sage rankt sich ebenfalls um den Ritter Lanbert von Oer von der Burg Kakesbeck. Von der "münsterländischen Halsbandaffäre" berichtet uns unser Leser Heinrich-Josef von Gimpte

Es war am Morgen des 25. Juli 1520. Lambert v. Oer, Ritter auf „Haus Kakesbeck“, bereits hochbetagte 80 Jahre alt, hatte in Lüdinghausen an einer heiligen Messe teilgenommen und befand sich zu Pferde auf dem Weg zurück zu seiner Burg.

Auf halber Wegstrecke zwischen Lüdinghausen und der Burg wurde er von Goddert v. Haren zu Hameren und acht seiner Kumpanen überfallen, von seinem Pferd gezerrt, verwundet und gefangen genommen. So eskalierte eine Ritterfehde Anfang des 16. Jahrhunderts, die bereits 1503 ihren Anfang nahm, bis ins Jahr 1528 andauerte und letztendlich durch einen Vergleich beigelegt wurde.

Was aber war der Auslöser dieser Fehde? Warum dieser Überfall auf einen bereits 80jährigen Edelmann mit diesem rücksichtslosen Einsatz eines Marterwerkzeugs? Warum wurde Lambert v. Oer dieses inwendig mit spitzen Zacken versehene, etwa 2,5 kg schwere metallenes Halsband angelegt? Es war auch noch so konstruiert, dass sich bei jedem Versuch dieses zu entfernen, die Stacheln nur noch tiefer in den Hals bohrtenund geöffnet und entfernt werden konnte dieses raffiniert konstruierte und in der Herstellung sicher nicht ganz preiswerte Marterwerkzeug auch nur mit einem kleinen Schlüssel, der auf der Innenseite des Halsbandes in ein nur etwa einem Quadratmillimeter großen Loch eingeführt werden konnte. Dieser Schlüssel drückte eine kleine Feder beiseite und schob einen Schlossriegel zurück, so dass sich eine Schiebeplatte abziehen ließ. Dann mussten vier Schlösser am jeweiligen Ende der beiden Halsbandhälften betätigt werden. Durch einen gleichzeitigen Druck auf beide Halsbandteile konnte dann das Halsband entfernt werden.

So glaubt man, denn ganz genau weiß es bis heute niemand. Lambert ritt jedenfalls noch am Tag des Überfalls nach Münster und wurde dort vom Halsband befreit.

Dabei wurde das Band und die verdeckt innenliegende Mechanik durch die massive Gewaltanwendung zum Teil zerstört. Wie Lambert diesen Eingriff überstand und wer den Eingriff vornahm, ist nicht überliefert.

Was also bezweckte Goddert und Kumpane zu diesem unritterlichen Hinterhalt? Dieser hatte bereits vor dem Überfall sogar mit dem „Eingreifen“ des bekannten Reichsritters und Haudegens Franz v. Sickingen gedroht.

Durch Anlegen des Halsbandes nötigten und erpressten sie zweifellos Lambert v. Oer und zwangen ihn zu einem Eid, sich bis zum darauffolgenden Sonntag, den 29. Juli 1520, auf Haus Padberg bei Brilon im Sauerland einzufinden. Dort sollte er dann vom Ritter Hermann v. Ascheberg, die Erklärung für diesen Überfall erhalten.

Goddert war der Schwiegersohn von Hermann. Er hatte 1517 Jaspara, die Tochter von Hermann v. Ascheberg und seiner Frau Anna, geb. v. Gimbte, geheiratet. Anna, Tochter von Cord v. Gimbte, war Erbin eines Burglehens der Landesburg Nyghenborch (heute Nienborg), welches die v. Gimbte von 1278 an inne hatten. Im Jahre 1521 verkaufte Anna dieses Lehen an die Familie v. Wüllen.

Nun betritt eine weitere Hauptperson dieser Affäre die Szene: Gisela v. Mecheln, geb. v. Gimbte, die Tante Anna v. Ascheberg, Witwe von Cord v. Mecheln, deren Stammsitz von 1300 bis 1550 war Haus Sandfort bei Olfen.

Gisela also erklärte im Jahre 1503 vor einem Gericht in Dortmund, dass sie von Lambert v. Oer und Gerhard v. Beverförde schändlich betrogen worden sei. Die beiden hätten ihr für die ihnen verkauften Mechelnschen Güter (zwischen Freckenhorst und Ahlen gelegen) nichts gezahlt und ihr sogar die gegebenen urkundlichen Papiere betrüglicher weise wieder abgenommen. Darüber hinaus hätten die beiden sie dann auf Haus Kakesbeck neun Jahre lang gefangen gehalten.

Als sie endlich auf grund ihres „Jammerns und Wehklagens“, wie sie vorbrachte, freigelassen wurde, habe Lambert ihr nur die Hälfte eines vereinbarten Leibzuchtbriefes (Vereinbarung eines Altenteils) übergeben und sie wolle nun hier vor Gericht den betrügerischen Verkauf widerrufen. Noch am Gerichtstag verkaufte Gisela ihre Güter an Hermann v. Ascheberg und seine Frau Anna, die Tochter ihres Bruders Cord v. Gimbte. Anschließend strengte sie gegen Lambert v. Oer vor dem Münsterschen Hofgericht einen Prozess an, in dem aber kein Urteil erging.

Nach damaligen geltendem Recht hatten die nächsten Erben der Verkäufers von Grundeigentum die Möglichkeit, Veräußerungen an nicht zur Familie gehörige Personen innerhalb eines Jahres nach Vertragsabschluß anzufechten. Denn nur, wenn der Verkauf durch den Fall echter Not des Verkäufers veranlasst wurde, verlor dieses Recht seine Gültigkeit.

Und so erhob bereits 1503 Hermann v. Ascheberg Anspruch auf die Mechelnschen Güter, denn eine solche Not habe für Gisela nicht vorgelegen. Vielmehr hätten Lambert v. Oer und Bert v. Beverförde die „alte und simple Witwe Gisela“ durch Vorspiegelungen und falscher Versprechungen zu dem Verkauf bewogen und das habe er, Hermann, unter Protest mitgeteilt.

Diese Aussage lässt nur den Schluss zu, dass Hermann anführt, Gisela sei auf grund ihres Alters nicht mehr im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte und Lambert v. Oer und Bert v. Beverförde hätten dieses bei den Verkaufsverhandlungen der Mechelnschen Güter ausgenutzt und die Betagte übervorteilt.

Gegen diese vorgebrachten Anschuldigungen Hermann v. Ascheberg verwahrte sich Lambert v. Oer in den folgenden Gerichts-verhandlungen und stellte die Ansprüche als „unwahr, unwürdig und unglaublich“ dar. Es sei „unzweifelhaftes Recht, dass eine Witwe mit gerichtlich bestellten Vormündern kaufen oder verkaufen könne, wie eine Mannsperson.“ Er habe Gisela nur auf ihr Bitten und Begehren hin auf einem Wagen nach Kakesbeck gebracht und sie dort all die Jahre verpflegt, „wie es einer ehrlichen, frommen und schildbürtigen Witwe zukomme.“

Gisela ist also auch nach Aussage Lambert von Oer geistig nicht ganz auf der Höhe, da sie nur mit Vormund Geschäfte tätigen kann, aber trotzdem berechtigt, Waffen zu führen.

„Um kein Geld der Welt will ich solche Schelt- und Schandworte dulden und im Wiederholungsfalle soll Hermann von Ascheberg tausend Goldgulden Strafe an mich zahlen,“ beantragte Lambert v. Oer.

Zwischen 1510 und 1520 strengte vor dem Offizialatgericht in Münster, Anna v. Gimbte, die Frau Hermann v. Ascheberg, einen Prozess gegen Lambert v. Oer an. In zwei Instanzen aber wurde ihr Anspruch abgewiesen und darüber hinaus wurde ihr sogar zusätzlich „ewiges Schweigen“ in dieser Angelegenheit auferlegt.

Hermann und Anna v. Ascheberg gaben während des Prozesses ihren Töchtern, Jaspara und Anna, diese war mit Evert von der Recke zu Untrope (Haus Uentrop bei Hamm) verheiratet, Sohn Johann von der Recke zu Sümmern und Roricke von der Mark zu Villigst, die Mechelnschen Güter als Morgengabe mit.

Nun klagte Goddert v. Haren zu Hameren seinerseits beim Bischof zu Münster. Dieser schlug auf grund der bereits so lange andauernden Fehde den streitenden Parteien vor, sich zu einem gütlichen Termin einzufinden. Nachdem aber mehrere dieser gütlichen Termine verfielen, beraumten der Bischof von Münster mit Herzog Johann v. Jülich, Cleve und Berg, genannt der Friedfertige, einen neuen Termin am 18. August 1520 in Altlünen an.

Am 27. Juli 1520, also zwei Tage nach dem Überfall mit dem Halsband, erschien Lambert v. Oer in Münster vor dem tagenden Landtag in „jämmerlicher Gestalt und das Halsband vorzeigend.“ Er schilderte den Vorfall und bat um Rat, wie er sich bezüglich des ihm auferlegten und erzwungenen Eides, das er sich nach Padberg zu begeben habe, verhalten solle.

Die Stände des Landtages erklärten Lambert v. Oer, dass er angesichts seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung, in dem er sich seit dem Überfall befinde, nicht an den Eid gebunden sei. Um seine Ritterehre zu wahren, solle er sich jedoch an einem neutralen Ort dem Schiedsspruch zweier Fürsten unterwerfen.

Lambert v. Oer erklärte sich damit einverstanden und benannte Herzog Philipp zu Braunschweig und Lüneburg und Erich v. Braunschweig, 1508 bis 1532 Bischof von Osnabrück und Paderborn. Beide erklärten sich, auf Ersuchen der Stände zu Münster bereit, eine Entscheidung zu treffen.

Nun beschwerte sich Goddert v. Haren zu Hameren seinerseits beim Bischof zu Osnabrück, dass Lambert v. Oer seinen Eid gebrochen und das Versprechen sich auf Haus Padberg einzufinden nicht eingehalten habe. Ferner drohte er an, den Bruch des Ritterwortes Lambert v. Oer, in Schmähschriften zu verbreiten und ihn damit verächtlich zu machen.

In weiteren Schreiben an das Domkapitel und den Rat der Stadt Münster rechtfertigte er sich, dass er Lambert nur das Halsband angelegt habe, damit dieser sein Versprechen nicht „vergesse“ und sich auf Haus Padberg einfinde.

Gleichzeit begann er von Haus Padberg aus eine Fehde gegen das Stift und den Bischof von Münster, da dieser seiner Meinung nach einseitig urteile und auf Seiten Lambert v. Oer stehe. Bernd v. Oer, Sohn Lamberts, überfiel daraufhin seinerseits 1521 Haus Ichterloh und plünderte das dazu gehörige Gut Evertinck.

Im Jahre 1528 kam es dann endlich zu einem Vergleich. Goddert von Haren zu Hameren verzichtete auf die Mechelnschen Güter und erhielt von der Familie von Oer als Ausgleich eine Entschädigung von 4.500 Goldgulden. Keine der streitenden Parteien wurde übrigens vom Landesherrn wegen des angerichteten Schadens zur Rechenschaft gezogen.

Auf Burg Vischering kann das eiserne Halsband noch heute besichtigt werden.

Heinrich-Josef von Gimpte (Quellen: Archiv v. Oer, Westfälisches Adelsarchiv Münster)


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