Billerbeck: Abtei Gerleve

 
 

 
 
 

Etwa 30 Kilometer westlich von Münster erheben sich die Baumberge, eine bis zu 186 m hohe Hügelkette, über das flache Münsterland.

Abtei Gerleve

In diesen Baumbergen befindet sich auf halber Strecke zwischen der Kreisstadt Coesfeld und der Stadt Billerbeck inmitten von Feldern und Wäldern die Benediktinerabtei St. Joseph zu Gerleve.Die Anfänge des Klosters gehen zurück in das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Die drei Geschwister Wermelt besaßen damals an seiner Stelle einen mittelgroßen Bauernhof. Da sie ohne Erben blieben, wollten sie ihn zur Gründung eines Klosters stiften. Der Plan scheiterte zunächst am Desinteresse mehrerer Ordensgemeinschaften, die den Ort für zu abgelegen hielten. Nach längeren Verhandlungen entschieden sich jedoch die Benediktiner der Erzabtei Beuron, das Angebot anzunehmen und in Gerleve das Wagnis einer Neugründung einzugehen.

Abtei Gerleve

Das neue Kloster wurde unter das damals sehr beliebte Patronat des hl. Joseph gestellt.P. Ludger (Wilhelm) Rincklake OSB (1851-1927), lange Zeit erfolgreich als Architekt in Münster tätig und erst seit kurzer Zeit Mönch der Abtei Maria Laach in der Eifel, hatte sich als Erbauer der Ludgerus-Wallfahrtskirche in Billerbeck einen Namen gemacht. Nun entwarf er die Pläne für das neue Kloster und seine Kirche.

In seinem Gesamtwerk ähnelt die Gerlever Abteikirche in vielen Punkten seinen Kirchbauten St. Agatha in Mettingen (1891-1894) und St. Anna in Neuenkirchen (1896-1900). Die unzureichende finanzielle Ausstattung der Neugründung und die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts haben die volle Realisierung des Rincklake-Plans bis heute verhindert.

Immerhin konnte die Kirche seit dem 10. Juni 1904 als Gottesdienstraum genutzt werden. Ihre feierliche Weihe erfolgte jedoch erst 1950.Ebenfalls im Juni 1904 wurde der Westflügel des Klosters bezogen. Es dauerte weitere sieben Jahre bis auch dessen Südflügel mit Küche, Speisesaal (Refektorium) und Kapitel sowie zahlreichen Wohnräumen fertig gestellt war.

Erst 1960 gelang es, die bis dahin mit drei Flügeln unvollständig gebliebene Klosteranlage durch den Bau des Ostflügels zum Quadrum zu schließen. In dem neuen Gebäudeteil fanden die Sakristei, die Bibliothek und das Noviziat einen angemessen Platz. Seither umgeben die vier Flügel des Klosters in klassischer Klosterbauweise einen quadratischen Innenhof. Im Erdgeschoss umgibt ihn ein mit Fenstern verschlossener Kreuzgang. Seitdem fehlt nur noch der östliche Abschluss der Kirche.

Zugleich mit dem Einzug der Mönche in das neue Kloster 1904 erfolgte die Erhebung der gerade einmal fünf Jahre alten Neugründung zur selbständigen Abtei. Erster Abt wurde 1906 P. Raphael Molitor (1873-1948) aus Beuron.Seit der Gebietsreform 1975 gehört das Kloster zur Stadt Billerbeck. Kirchlich zählt es zur Billerbecker Pfarrei St. Ludgerus im Bistum Münster.Im Jubiläumsjahr 2004 zählt der Konvent 52 Mönche. Noch immer ändern sich die Aufgabenfelder der Gemeinschaft. Auf die landwirtschaftliche Arbeit musste inzwischen fast ganz verzichtet werden. Stattdessen gewannen neue Formen der Seelsorge- und Bildungsarbeit an Bedeutung.

Zuletzt führte Abt Pius Engelbert das „Forum Gerleve“ ein. Unter diesem Namen finden nun mehrmals im Jahr gut besuchte öffentliche Vorträge und Konzerte statt.Die Abtei liegt malerisch in 125 m Höhe über dem Meerespiegel auf halber Höhe eines Südhangs über dem Honigbachtal. Von der kleinen Kreisstraße 53, die gewöhnlich „Bergstiege“ genannt wird, führt eine schnurgerade Kaiserlindenallee hinauf zum Kirchvorplatz. Den Anfang und das Ende der Allee markieren jeweils sechs 1987 von Josef Paul Kleihues gestaltete Sandsteinstelen.

Abtei Gerleve

Der Grundriss des Klosters variiert die traditionelle, auf den St. Gallener Idealplan zurückgehende Klosterarchitektur. An die dominierende Abteikirche schließt sich nach Süden hin das eigentliche Kloster an, dessen drei Flügel einen Innenhof, den Kreuzgarten, umschließen. Der südliche Flügel ist nach Westen hin durch einen Anbau verlängert.Die Westfassade von Kirche und Kloster macht einen imposanten, blockhaften Eindruck. Nachdem die beiden 1904 aus Baumberger Sandstein in wilhelminischer Neoromanik errichteten Kirchtürme schon früh schwerste Witterungsschäden aufwiesen, mussten sie in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts vollständig restauriert werden. Der Kölner Architekt Dominikus Böhm (1880-1955) gab ihnen eine neue Gestalt.Vor die alte Fassade setzte er aus dem wetterbeständigeren, aber auch etwas dunkleren Ibbenbürener Sandstein eine neue Front. Bei deren Gestaltung orientierte er sich an den kraftvollen, äußerst einfachen Formen der frühen westfälischen Romanik. Die beiden Türme erheben sich jeweils in fünf Geschossen mit dem Zeltdach zu einer Höhe von 42 Metern. Im dritten Geschoss gliedern vier Rundbogenfenster in der Mitte oberhalb des Portals die Fassade. Darüber erhebt sich ein mit schwarzem Schiefer gedecktes Pultdach.Südlich an die Kirche schließt sich der Westflügel des Klosters an. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er der von Böhm gewählten Formensprache der Kirchtürme angeglichen. Deshalb erhielten die Westfassade und ihr südlicher Turmabschluss ebenfalls eine Ummantelung aus grob behauenem Ibbenbürener Sandstein. Auf schmückende Elemente wurde verzichtet.

Nach Westen hin schließt der auf dieser Seite zweigeschossige Pfortenflügel des Klosters den Kirchvorplatz ab. In ihm befinden sich außer der Pforte mit sechs Sprechzimmern auch die zehn Gästezimmer sowie die Infirmerie, die Krankenabteilung des Klosters. Auch dieser vom Essener Architekten Johannes Kunz entworfene und 1932 fertiggestellte Trakt passt durch Material und die schlichten Formen gut zu Böhms Kirchenfassade. Rechts und links vom markanten, ellipsenförmigen Portalbogen schmücken lebensgroße, in Kunststein gegossene Statuen der Apostel Petrus und Johannes aus der Werkstatt des Münsteraner Künstlers Franz Guntermann (1881-1963) den Eingang.

Das Klostergebäude selbst ist für Besucher nicht zugänglich. Es handelt sich um einen klassischen Klosterbau, dessen vier Flügel - den Nordflügel bildet die Kirche - einen Innenhof umgeben. In der Mitte des als Garten gestalteten Innenhofes steht seit 1915 ein 5 1/2 Meter hohes Kreuz des Kevelaerer Bildhauers Augustin Dierkes im Stil der irokeltischen (insularen) Kunst aus fränkischem Muschelkalk.Von der Bergstiege aus erkennt man hinter hohen Bäumen in hellem Baumberger Sandstein die Fassade des 1911 bezogenen Südflügels, die allein den neoromanisch-wilhelminischen Formenreichtum Rincklakes bis heute bewahrt.

In dem erst 1959 errichteten Ostflügel befinden sich die Sakristei und die Bibliothek des Klosters. Funktion und Würde dieser Räume zeigen sich in ihren großen - 2002 durch verspiegelte Glasscheiben und Bronzeabdeckungen zum Teil in ästhetisch wenig befriedigender Weise umgestalteten - Fensterfronten.Am Ostabschluss der aus Baumberger Sandstein errichteten Nordfassade der Kirche ragen einzelne Steine unbehauen hervor. Sie machen sichtbar, dass an dieser Stelle der Weiterbau des Gotteshauses erfolgen müsste.Südlich unterhalb des Klosters im Honigbachtal liegt der ebenfalls für Besucher nicht zugängliche alte Hof der Stifterfamilie. Über dem Eingang zur Tenne heißt es in einer Inschrift: „J.B.H. Wermelt / Anno Domini 1844 / A.M. Schulte Lutum / Eheleute“. Wie viele andere Bauern in der damals preußischen Provinz Westfalen löste das Ehepaar Johann Bernhard Heinrich Wermelt und Anna Maria Schulte Lutum 1843 die Abgabepflichten ihres Hofes bei dem Grafen Droste zu Vischering ab. Im darauffolgenden Jahr ließen sie aus Baumberger Sandstein den eingeschossigen Hof bauen, über dem sich ein steiles Satteldach erhebt, unter dem Mensch und Tier Platz fanden. Unter den zehn Kindern des Ehepaars fanden sich auch die späteren Stifter der Abtei.Nördlich der Abteikirche befinden sich die Gästehäuser des Klosters.Eher unauffällig ist der klar gegliederte, quadratische Flachdachtrakt von 1964/1965, in dessen Erdgeschoss sich eine „Buch- und Kunsthandlung“ befindet. Über einen Treppenhausbau schließt er an das Exerzitienhaus Ludgerirast an. Dieser von P. Ludger Rincklake als Hotel entworfene, leicht barockisierende Bau aus den Jahren 1912/1913 nimmt die traditionellen Baumaterialien der umliegenden Höfe und vieler Münsteraner Stadtpalais auf: Backstein und Sandstein. Vor seiner Ostfassade errichtete Josef Paul Kleihues 1986/1987 eine Hauskapelle.Um einen Kreis, der für die Vollkommenheit Gottes steht, liegt ein Halbkreis, der wie ein Amphitheater den Versammlungsraum der Gemeinde darstellt. In einfühlsamer Weise schuf der Düsseldorfer Bildhauer Erwin Heerich (geb. 1922) für den vielbewunderten Bau einen Altar und den Tabernakel. Die Fenster gestaltete Karl-Martin Hartmann.Nachdenklich stimmt das Kreuz, dessen Form sich an der Ästhetik Le Corbusiers (1887-1965) orientiert.

Nördlich des Exerzitienhauses folgen zwei weitere, markante Kleihuesbauten. Der Zwischenbau enthält im Erdgeschoss eine Gaststätte. Im Obergeschoss, dessen geschwungene Dächer einen spielerischen Akzent setzen, befinden sich zwei Vortragssäle. Hier finden wechselnde Kunstaustellungen statt.Ohne eigentliche Zuordnung zu diesem großen Gebäudekomplex bilden den nördlichen Abschluss ein 1950-1951 in Fachwerkbauweise errichtetes Jugendhaus sowie das 1973 vollendete, dreigeschossige „Haus St. Benedikt“ des Architekten Albert Brenninkmeyer (geb. 1924) in der Formensprache der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts.

Auszug aus:

Westfälische Kunststätten, Heft 100: Abtei Gerleve. Herausgeber: Westfälischer Heimatbund, Kaiser-Wilhelm-Ring 3, 48145 Münster.

Der Westfälische Heimatbund
Der Westfälische Heimatbund nimmt als Dachorganisation von über 530 Heimatvereinen und rund 650 Ortsheimatpflegern in Westfalen Aufgaben der regionalen Heimat- und Kulturpflege wahr. Er bündelt die Aktivitäten der einzelnen Mitgliedsvereine und verfolgt das Ziel, die Einheit Westfalens zu erhalten und seine Eigenart zu pflegen. In den Menschen, die in diesem Raum leben oder sich ihm zugehörig fühlen, will er das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit wecken und vertiefen.

 
 

Online-Routenplaner Bus & Bahn

Planen Sie bequem Ihre Route von der Haustür bis zum Ziel mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie müssen nur noch Ihre Startadresse eingeben.

Anreise planen

 
 

Weitere Informationen

Benediktinerabtei Gerleve
Gerleve 1
48727 Billerbeck
Route berechnen
Auf Karte zeigen
Website besuchen
 

Empfehlungen für Lengerich!

Loading...
Loading...