Die rastlosen Moorteufel

 
 

 
 
 

"Oh schaurig ists übers Moor zu gehn," dichtete schon Annette von Droste Hülshoff. Und tatsächlich: Über die Münsterländer Heiden und Moore werden zahlreiche Sagen und Märchen erzählt, in denen dämonische und bösartige Nachtwesen ihr Unwesen treiben.

Sie sind den Menschen böse gesinnt und sind im Volksmund als Nachtmären, Moorteufel oder Heideschurken bekannt. Der Sage nach handelt es sich hierbei um verwunschene und verzauberte Seelen schlechter Menschen, die bis zu ihrer Erlösung von ihren Sünden im Moor umhergehen müssen.

Während sie also im Moor und in den Heiden ihr unseliges Dasein fristen, versuchen sie Menschen, die sich hier verirrt haben, zu sich zu locken und zu töten, um sich selbst von ihrem Bann zu befreien und den armen, verirrten Menschen an ihrer statt spuken zu lassen. Die Menschen wussten schon seit jeher von diesen Gestalten und die meisten vermieden so gut wie möglich nachts durch ein Moor- oder Heidegebiet zu gehen.

Vor langer Zeit gab es jedoch einen furchtlosen Müllerburschen in Gronau, der zwar die Sagen und Geschichten über die Nachtmären kannte, sie aber nie so recht geglaubt hatte. Eines Morgens schickte ihn sein Meister nach Schöppingen, um dort das Geld für das verkaufte Mehl einzufordern. Da seine Arbeit dort den ganzen Tag in Anspruch nahm, konnte er sich erst am Abend wieder auf den Weg zurück nach Gronau machen.

Da der Müllerbursche nicht noch mehr Zeit verlieren wollte, entschloss er sich dazu, seinen Weg nach Hause abzukürzen und nicht wie gewohnt über die Landstraße zu gehen, sondern durch die Heide querfeldein zurück nach Gronau zu laufen. Also machte er sich bei Einbruch der Dunkelheit auf den Weg durch die Heide. Er fühlte den ausgetretenen Heidepfad sicher unter seinen Füßen und kam so eine ganze Zeit lang auch recht gut voran und schritt frisch und munter durch die kühle Nacht.

Diese Sicherheit war jedoch nicht von langer Dauer, denn allmählich kam Nebel auf und um so weiter der Müllerbursche voranschritt, umso dichter waberten die Nebelschwaden über die Heide. Letztlich bekam er es nun doch mit der Angst zu tun. Er fürchtete, er könne von dem Pfad abkommen, sich verirren und womöglich in ein Moorauge geraten. Also schritt er nur noch zögerlich und ganz behutsam Schritt für Schritt voran und hielt hierbei Augen und Ohren für jede Gefahr offen.

Plötzlich war es ihm, als höre er durch den Nebel hindurch ein Zischen, Rauschen, Ächzen und Seufzen. Er blieb stehen und versuchte auszumachen, aus welcher Richtung die Geräusche kamen. Mal hörte er das Geräusch vor sich, mal hinter sich, mal neben sich. Er drehte sich ständig im Kreise um sich selbst herum, aber er kam einfach zu keinem Ergebnis. Der Mond leuchtete trübe durch den Nebel hindurch, erleichterte ihm aber nicht die Sicht, um die Quelle der Geräusche auszumachen.

Durch das ständige Drehen und Wenden hatte der Müllerbursche nun die Orientierung verloren. Er wusste nicht mehr aus welcher Richtung er gekommen war und in welche Richtung er weiter gehen sollte, um nach Hause zu kommen. Von dem ganzen Tag und der zurückgelegten Strecke durch die Dunkelheit war er zudem fürchterlich erschöpft. Um sich nicht noch weiter in der Dunkelheit zu verirren, beschloss er sich an den Wegesrand unter ein kleines Bäumchen zu legen und dort einige Stunden zu schlafen bis die Sonne wieder aufging und er in der Helligkeit seinen Heimweg fortsetzen konnte.

So muss er eine ganze Weile unter dem Bäumchen gelegen haben und eingenickt sein, als er plötzlich wach wurde. Es war ihm, als hätte ihn jemand wach gerüttelt. Erschrocken rieb er sich den Schlaf auf den Augen und sah ein kleines, unheimliches Wesen vor sich stehen. Es hatte ein aschfahles Gesicht aus dem heraus dem Müllerburschen zwei riesige große grüne Augen entgegenleuchteten. Das kleine Wesen sprach mit weinerlicher Stimme zu ihm: „Hab keine Angst lieber Junge, ich bin bloß eine Nachtmäre. Die Zeit ist reif, endlich bist du zu mir gekommen. Du kannst mich von meinem Leid erlösen. Hilf mir also bitte, erlöse mich und ich mache dich zu einem glücklichen und reichen Mann.“

„Aber wie kann ich dir denn helfen?“, fragte der Bursche ganz erstaunt. „Du musst mir eine Wasserrose aus dem See dort pflücken!“, sprach die Nachtmäre. Da sah der junge Bursche, dass er sich an den Rand eines Sees gelegt hatte, auf dem die allerschönsten Wasserrosen schwammen. Und da seine anfängliche Furcht und sein Schrecken vor dem Wesen gewichen waren, erklärte er sich bereit, eine Rose aus dem See zu pflücken, um es zu erlösen.

Da die Rosen etwas abseits vom Ufer des Sees wuchsen, musste der Müllerbursche ein kleines Stückchen in den See hineinlaufen. Er streckte den Arm aus und versuchte die Rose zu ergreifen, doch sie glitt immer wieder aus seiner Hand. Also lief er noch ein kleines Stückchen in den See hinein, um nach einer anderen Rose zu greifen. Wieder streckte er den Arm aus, ergriff die Rose, riss und zerrte an ihr und diesmal hatte er Glück – sie war sein!

Er drehte sich um und wollte zurück ans Ufer, als er plötzlich vor sich im Wasser die Fratze der Nachtmäre erblickte. Die weit aufgerissenen grünen Augen starrten ihn an, das schreckliche Maul war verzerrt und weit aufgerissen. Die zwei dünnen Ärmchen mit den dürren Händen und langen spitzen Fingernägeln griffen nach ihm um ihn in die Tiefe des Sees zu ziehen. Verzweifelt versuchte der Bursche sich zu wehren, er ließ die Rose fallen und trat um sich, bis er sich aus den Fängen der Nachtmäre befreit hatte.

Außer Atem kämpfte er sich an das Ufer des Sees und schlief dort voller Erschöpfung ein. Als er am nächsten Morgen erwachte, war die Sonne schon aufgegangen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er nur knapp einem Unglück entgangen war. Er schlug ein Kreuzzeichen und machte sich so schnell als möglich auf den Weg zurück nach Hause und nahm nie wieder den kürzeren Weg durch die Heide.