Telgte: Frühling im Naturparadies

 
 

 
 
 

Emsauen – Auerochsen und Wildpferde grasen friedlich nebeneinander, ein Eisvogel überfliegt die naturbelassene Sandbank, an deren Rand seltene Gräser und Pflanzen blühen. Das Naturschutzgebiet Emsaue ist ein kleines Naturparadies - mitten im Münsterland.

Konik-Pferde
Bis Anfang des 19. Jahrhunderts gab es zahlreiche Wildgestüte, darunter eines in der Davert. Erhalten blieben nur die bekannten Dülmener Wildpferde im Merfelder Bruch. Konik-Pferde gelten heute als die ursprünglichste Pferderasse Europas und ähneln ihren ausgestorbenen wilden Verwandten, den Tarpanen, sehr: Die graue Fellfarbe, der dunkle Aalstrich auf dem Rücken, dunkle Beinstreifen und die schwarze Mähne mit heller „Hülse“ werden zu den Wildpferd-Merkmalen gezählt. Alle Fotos: NABU Naturschutzstation Münsterland

Etwa 5000 Hektar groß ist das Naturschutzgebiet Emsaue, das die Ems auf dem Weg zum Dollart im Münsterland durchfließt. Der von der Europäischen Union verliehene Status „NATURA 2000-Gebiet“ weist sie als wichtigen Bestandteil des Europäischen Naturerbes aus. Ein einzigartiges europäisches Naturreservat direkt vor der Haustüre, in dem die NABU-Naturschutzstation Schutzmaßnahmen zur Erhaltung der Biologischen Vielfalt des Emstales organisiert und umgesetzt.

Einzigartiges Naturparadies

Naturparadies

Ein europaweit einzigartiges Naturparadies ist die Emsaue aufgrund der fast ausschließlich aus Sand bestehenden Böden. Als Überbleibsel der letzten Eiszeit prägen Sande das Einzugsgebiet der Ems. Der Sand verleiht der Auenlandschaft eine hohe Bodenbeweglichkeit, nährstoffärmere Wuchsbedingungen und zu starker Trockenheit neigende Sandkuppen und Hänge. In ungebändigtem Zustand hat die Wasserkraft hier leichtes Spiel mit den lockeren Böden. Sie lässt Uferabbrüche, Sandbänke und kleine Inseln entstehen und erleichtert bei Hochwasser die Bildung von Flutrinnen, Uferwällen und Sandkuppen. Das charakteristische Auenrelief und ein häufiger Wechsel von sehr nass bis extrem trocken sind das Ergebnis.

Besonders viele Naturschätze

Naturschätze

Aufgrund dieser besonderen Verhältnisse hat sich eine an die extremen Bedingungen angepasste Artengemeinschaft eingestellt. Ein beim Ausbau der Ems weniger stark in Mitleidenschaft gezogener Emsauenabschnitt zwischen Telgte und Greven-Gimbte hat besonders viele der Naturschätze bewahrt. Eine herausragende Kostbarkeit sind die zeitweise nur auf wenigen Kilometern kontinuierlich erhalten gebliebenen naturnahen, dynamischen Flussufer mit ihren Steilufern, Sandbänken und Weidendickichten. Nicht nur Eisvogel und Uferschwalbe überlebten hier den Emsausbau, sondern auch viele äußerst selten gewordene Libellen-, Käfer-, Wildbienen- und Grabwespenarten.

Bis in die 1970er Jahre hinein wurde die Ems mehr und mehr begradigt und kanalisiert. Noch in den 1980er Jahren glichen die Uferböschungen eher einem Parkrasen. Erst Ende der 1980er Jahre konnten sich die Naturschützer durchsetzen und eine Trendwende einleiten: Das Emsauenschutzprojekt wurde ins Leben gerufen.

Seitdem wurden in Regie des Staatlichen Umweltamtes Münster viele Flächen für den Natur- und Hochwasserschutz erworben, Altarme angeschlossen und neue Feuchtlebensräume in der Aue geschaffen.

Mediterrane Blütenpracht

Blütenpracht

Einzigartig im Münsterland sind die bei extensiver Bewirtschaftung außergewöhnlich bunten Wiesen und Weiden der Emsaue. Begünstigt durch einen leichten Kalkanteil im Boden erreichen sie eine sonst eher aus mediterranen Breiten bekannte Blütenpracht. Die Blütenvielfalt mit Heidenelken, Flockenblumen oder Thymian dient Schmetterlingen, Bienen und anderen Blütenbesuchern als Nahrung. Verblieben sind davon heute nur noch kümmerliche Reste, die aber immer noch eine wesentliche Grundlage für die enorme Biodiversität der Emsauen sind.

Mit weit über 300 Bienen- und Solitärwespenarten ist die Emsaue das für diese Artengruppe artenreichste Gebiet im zur atlantischen Klimaregion gehörenden Teil Nordwesteuropas. Die mikroklimatisch besonders günstigen Bedingungen an den Böschungen der Terrassenkanten, Altarmufern, Flutrinnen und Steilufern erlauben einer Vielzahl wärmebedürftiger Arten ihre Entwicklung. Vom Insektenreichtum dieser Stellen profitiert der diese von Ansitzwarten jagende Neuntöter.

Schwarzspecht, Kleinspecht und Pirol

Eine Besonderheit der Emsaue ist auch das Vordringen der gegen Überschwemmungen und feuchte Bodenverhältnisse empfindlichen Rotbuche in die periodisch überschwemmte Aue. Die großen Reliefunterschiede in Verbindung mit den schnell wieder abtrocknenden Sandböden erlaubt ihr in den höheren Bereichen der flächenmäßig überwiegenden Hartholzaue die Ansiedlung in den Eichen-Buchenwäldern. Hier sind auch Schwarzspecht, Kleinspecht und Pirol anzutreffen.

Natur mit dem Rad erkunden

Weg

Das Münsterland wäre nicht das Radfahrerparadies Nummer Eins, gäbe es nicht auch hier eine Möglichkeit, dieses Naturerlebnis mit dem Fahrrad zu erkunden. Der EmsAuenWeg lädt besonders jetzt zum offiziellen Beginn des Frühlings ein, die Naturlandschaft im Herzen des Münsterlandes zu erkunden. Auf ausgeschilderten Wegen führt die Radtour vorbei an den wichtigsten und sehenswertesten Besonderheiten des Naturparadieses und bietet an zentralen Punkten Aussichtswarten mit Weitblick in die Natur. Infos zur Radtour: www.emsauenweg.com

Serengeti an der Ems

Serengeti an der Ems

Beweidung gehört zu den Schlüsselprozessen in mitteleuropäischen Ökosystemen. Für die Lebensräume an der Ems gilt dies aufgrund der Landschaftsgeschichte ganz besonders.

Das Beweidungsprojekt „Erlebte Emslandschaft“ setzt für die Naturentwicklung in der Emsaue daher seit dem Jahr 2004 Auerochsen und Wildpferde ein. Als Modellvorhaben im Rahmen der REGIONALE 2004 gestartet, soll dessen Wirksamkeit bei der Erhaltung und Förderung der Biodiversität, aber auch als Beitrag zu einem attraktiveren Naturerlebnis und zum Fremdenverkehr getestet werden.

Für viele Lebensräume im Emstal und die darin lebenden Tier- und Pflanzenarten ist die Beweidung ein lebensraumerhaltender Faktor. Große Pflanzenfresser wie Rind und Pferd wirken in dem Ökosystem so, wie Spechte für höhlenbewohnende Vögel und Fledermäuse: Sie schaffen bei extensiver Beweidung Lebensraum für Neuntöter, seltene Heuschrecken- und Wildbienenarten. Die Häufigkeit von Großinsekten (z.B. Dungkäfer, blütenbesuchende Insekten, Heuschrecken) ist sehr hoch, so dass Neuntöter und viele Fledermausarten davon profitieren.

Extensiv genutzte Weidelandschaften sind heute sehr selten geworden, waren aber früher in den Emsauen der dominierende Landschaftstyp. Sie zeichnen sich aus durch ein Mosaik aus Grünland, Staudenfluren, eingestreuten Gebüschgruppen und Altbäumen.

Emslandschaft erleben

Emslandschaft

Um diesen Landschaftstyp im Emstal wieder zu fördern, wird vom NABU im REGIONALE-Projekt „Erlebte Emslandschaft“ der Einsatz robuster Weidetierrassen als „Landschaftspfleger und –gestalter“ sowie zur Entwicklung einer für den Erholung und Naturerlebnis suchenden Naturfreund/Naturfreundin attraktiven Landschaft erprobt.

In drei Emsauenarealen zwischen Telgte und Handorf wird das Beweidungsprojekt von der NABU-Naturschutzstation Münsterland e.V. umgesetzt. Hier weiden ganzjährig „Auerochsen“ und Konikpferde in einer Dichte von max. 0,5 Tiere/ha. Sie helfen durch das Beweiden der Grünlandflächen und Gewässerufer dabei, dass die Flächen nicht verbuschen und sich vielfältige Lebensräume entwickeln können. Das Projekt wird von einem wissenschaftlichen Untersuchungsprogramm begleitet, bei dem die Entwicklung von Biotopstrukturen, Brutvogel-, Amphibien, Heuschrecken-, Stechimmen- und Laufkäferbeständen dokumentiert wird. Es werden Rückschlüsse darüber erwartet, ob sich die extensive Beweidung als Schutzinstrument für die Förderung der emsauentypischen Tier- und Pflanzenwelt eignet.

Unterstützt wird der NABU bei dem Projekt vom Kreis Warendorf, der Stadt Telgte, der Stadt Münster, dem Amt für Agrarordnung Coesfeld, dem Staatlichen Umweltamt Münster, der Bezirksregierung Münster, der NRW Stiftung für Naturschutz, Heimat und Kulturpflege, der Heinz Sielmann Stiftung, der HIT-Umwelt- und Naturschutzstiftung und dem Institut für Landschaftsökologie der Westfälischen Wihelms-Universität Münster.


Erkundung

Emsaue bei Telgte
Verth 35
48291 Telgte
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Weitere Informationen

NABU-Naturschutzstation Münsterland e.V.
Haus Heidhorn
Westfalenstraße 490
48165 Münster
Tel.: 02501 9719433
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