Münster: Der Speicher von 1549 und die Hofanlage von Haus Kump

 
 

 
 
 

Münster - Von der frühen Besiedelung Münsters zeugt noch heute der alte Fachwerkspeicher von Haus Kump, einem Bauwerk aus dem 16. Jahrhundert und damit das älteste Speichergebäude in Münster.

Haus Kump: Das älteste noch erhaltene bäuerliche Gebäude der Stadt
Haus Kump: Das älteste noch erhaltene bäuerliche Gebäude der Stadt

Der Besucher kommt am Ende des Aasees von der Mecklenbecker Straße aus schnell zum Hof. An der Erklärungstafel vor der Brücke hat er genau dieselbe Sicht, wie sie Otto Modersohn in seinem Gemälde „Sommerfreuden“ vor Haus Kump von 1889 festgehalten hat. Von hier aus blickt man über das ganze Aatal bis zu den Türmen der Stadt.

Die immer wieder ergänzte Pappelreihe führt dann direkt zum Hof. Hier fällt links sofort der geradezu majestätisch aufragende Speicher auf. Über dem Steinsockelgeschoss erkennen wir zwei Fachwerkgeschosse. Im steil aufragenden Dach sind zwei bzw. drei Lagergeschosse untergebracht – insgesamt sind es also fünf bzw. sechs Geschosse. Die steinerne Grundfläche ist mit 7,30 Meter x 8,45 Meter nicht allzu groß. Aber zum zweiten Fachwerkgeschoss und dann noch einmal zum Dach hin kragt das Gebäude zweimal um je 60 bzw. 70 Zentimeter vor. So kommt es im oberen Fachwerkgeschoss zu einem saalartigen Raum von 9,30 Meter x 7,95 Meter und unter dem Dach zu einem breiten ersten Lagergeschoss von 10,90 Meter x 8,70 Meter und einem zweiten mit dem 1,65 Meter hohen Aufzugsrad auf der linken Seite (hinter der Bretterverkleidung).

Die aufstrebende Fachwerk- und Dachkonstruktion leitet den Blick deutlich nach oben und geht der erstaunlichen Verbreiterung nach. Am linken Gebäudeteil läuft die Außentreppe in drei Abschnitten schräg nach oben. Sie windet sich gleichsam um den Speicher herum, um dann im unteren Lagergeschoss zu enden.

Der Speicher zeigt sich heute in der restaurierten Form von 1979/80, die durch Mecklenbecker Bürger mit Blick auf das 1100-jährige Jubiläum von Haus Kump 1989 angeregt worden war. Wichtige z. T. rekonstruierte Elemente aus der Erbauungszeit um 1549 sind darin mit Veränderungen aus den Jahren 1660–1700 und den Jahren um 1870 sowie heute notwendigen Sicherheitselementen verbunden.

Die baulichen Besonderheiten des Speichers von Haus Kump
Der Speicher von Haus Kump weist insgesamt mehrere erstaunliche Bauaspekte auf: Das betrifft zunächst die außergewöhnliche architektonische Grundkonstruktion: Auf ein Steingeschoss folgen zwei Fachwerkgeschosse mit Räumen und zwei Lagergeschosse im Dach – dabei erweitert sich das Gebäude nach oben durch zweimaliges deutliches Vorkragen um insgesamt 1,30 m zu jeder Seite – einem Pilze gleich. Er weist mit zwei Räumen – einer davon saalartig -, sieben gotischen Fenstern, mehreren Hängeaborten, Herdfeuer, Wasserausguss und dekorativer Ziegelgestaltung eine üppige Gestaltung auf, die unüblich für einen Speicher von 1549 ist. Außergewöhnlich ist auch die Außentreppenanlage über drei Stockwerke mit zwei Podesten und einer architektonisch erstaunlichen Hängeständerkonstruktion.

Die Frage ist, warum und zu welchem Zweck ein so aufwändiges und bestimmt auch teures Gebäude errichtet worden ist. Das ganze Gebäude weist auf ähnliche Gebäude der gehobenen städtischen Mittelschicht hin und es erstaunt, warum es im 16. Jahrhundert auf einem Hof erbaut ist.

Zweck und Ausstattung

Querschnitt des Speichers| steinernes Sockelfundament, unteres und oberes Fachwerkgeschoss, unteres und oberes Lagergeschoss, Lagerbühne (Bernhard Dirksmeier/Reinold Knümann 1953)
Querschnitt des Speichers| steinernes Sockelfundament, unteres und oberes Fachwerkgeschoss, unteres und oberes Lagergeschoss, Lagerbühne (Bernhard Dirksmeier/Reinold Knümann 1953)

Große Speicherbauten waren im 16. Jahrhundert nur auf größeren Höfen üblich. Ein Speicher sollte einen sicheren Lagerraum in einem getrennten Gebäude bieten. Hier lagerte man das geerntete Getreide zum laufenden Lebensunterhalt und das Saatgut für das nächste Jahr. So wie die Gräfte um die gesamte Hofanlage dem Hof und den umliegenden Bewohnern Schutz bot, so gab der oft von einer eigenen Gräfte umflossene Speicher noch einen besonderen Schutz für das lebensnotwendige Lagergut. Er musste dementsprechend gebaut sein. Doch seine Bauweise ermöglichte eine individuellere Gestaltung als die Bauernhäuser selbst. Auf Haus Kump lag er direkt an der Gräfte und war zu ihr hin mit zwei Steinstreben verstärkt. Nach oben kragte er zweimal vor und war so kaum von außen zu erstürmen.

Der Lagerfunktion dienten die beiden Lagergeschosse mit dem hohen Aufzugsrad in den beiden Dachgeschossen. In Säcken konnten das Lagergut hochgezogen und hinter den Bretterverkleidungen sicher und luftig gelagert werden. Gab es beim Hinaufziehen des Lagergutes Probleme, so konnten die Knechte über die Außentreppe schnell nach oben in die Lagergeschosse gelangen.

Haus Kump war aber nicht allein ein normaler Bauernhof. Er war Schultenhof und hatte somit erheblich mehr Ackerflächen mit erhöhtem Bedarf an Lagerfläche sowie mehr Raum für die Arbeitsgeräte und das Vieh. Als Schulte war Kumpmann Repräsentant der ca. 18 Bauern beim Grundherrn – hier dem Domkapitel – und umgekehrt Vertreter des Grundherrn gegenüber den Bauern. Er musste nicht allein deren regelmäßigen jährlichen und die unregelmäßigen Abgaben (z. B. bei Geburt, Tod, Hochzeit) verwalten, sondern auch mit den Bauern zusammen Aufgaben in der Bauerschaft erledigen. Gemeinsam mussten sie über die Nutzung der wertvollen Gemeinschaftsflächen beschließen, die Straßen und Wege reparieren sowie Fuhren und andere Dienstleistungen für den Grundherren verrichten. Zur Vorbereitung dieser umfangreichen Aufgaben mussten sie sich mehrmals im Jahr zur „Hofsprache“ beim Schulten einfinden.

Dazu kam bei Haus Kump ab ca. 1550 eine weitere außerordentliche Funktion: Er war „Zehntherr“ für zusätzlich 28 Höfe im Westen Münsters. Auffällig ist der ungefähre Beginn dieser Zehntherrentätigkeit um 1550: Er fällt in die Zeit der Wiederherstellung der sog. Alten Ordnung nach Ende der Täuferzeit 1535 – die erste Ratswahl war im Jahre 1554. Für die Belagerung der Stadt und die Wiederherstellung der Wälle und zerstörten Kirchen hatte der Bischof Franz von Waldeck viel Geld benötigt. Haus Kump selbst war wohl in die direkten Belagerungsvorgänge nicht mit einbezogen und konnte so auf seinen weiten Ackerflächen viele Lebensmittel produzieren.

Die Stadt und der Bischof benötigten viele Gelder und Nahrungsmittel. Über beide schien Kump wohl zu verfügen. So ist es möglich, dass Kumpmann dem Bistum einen größeren Geldbetrag zur Verfügung stellte und dafür die Zehntherrentätigkeit übertragen bekam. Möglich ist auch, dass Kumpmann die bischöflichen Truppen z. B. durch Lebensmittelversorgung besonders unterstützt hatte und dafür in dieser Zeit der Restitution mit den außerordentlichen Zehntherrenrechten ausgestattet wurde und zugleich außerordentliche Gebäude bekam – wie den Speicher von ca. 1549 und den kurz darauf an das Wohnhaus angebauten Wohnteil. Gesicherte Aussagen sind hier wegen der sehr begrenzten Quellenlage kaum möglich.

Tatsache ist, dass Haus Kump um 1550 plötzlich durch die Zehntherrentätigkeit einen erheblich größeren Aufgabenbereich und eine deutlich über die Schulten hinausgehende Stellung hatte: Haus Kump war nicht mehr nur Erbpächter wie alle anderen, er war ein Zehnt “Herr“ mit eigenen ihm zugehörigen Einnahmen. Insgesamt mussten 43 Höfe im Westen Münsters Abgaben an ihn als Schulten und als Zehntherren zahlen, sechs davon in beiden Bereichen (also 49 Abgabenpflichtige). Das hatte eine erhebliche Verwaltungstätigkeit und Lagerfläche sowie erhöhten Raumbedarf für die Versammlung der Bauern zur Folge.

Daraus lassen sich die erstaunlichen Raumgrößen des Speichers erklären: Das untere Fachwerkgeschoss hat zur Erledigung der Registrierungs- und Verwaltungsaufgaben gedient, wo alle Abgaben genauestens erfasst werden mussten. Das waren bei 49 Abgabepflichtigen mit jeweils unterschiedlichen Abgaben erhebliche Mengen mit großem Registrierungsaufwand und erheblichem Platzbedarf für die Zulieferung, Unterbringung und Weiterbeförderung.

Der saalartige Raum im Obergeschoss war der Versammlungsraum aller abgabepflichtigen Bauern, die sich hier als Verband trafen. In dem durch Vorkragen vergrößerten Raum war Platz für alle – hier konnte Kumpmann zeigen, wie viele Bauern ihm in stattlicher Anzahl abgabepflichtig waren. Aber er zeigte zugleich auch, zu welchen besonderen Bauleistungen er in seiner speziellen Stellung befähigt war: Er konnte sich ein solch großes Speicherbauwerk mit zweimaligem Vorkragen, einer aufwändigen Fachwerkkonstruktion, einem saalartigen Raum und vielen üppigen Ausstattungsdetails leisten: gotische Fenster, Hängeaborte, Kaminfeuer, Wasserausguss. Dieses Gebäude kombinierte die bäuerlichen Lageraufgaben mit den erweiterten Schultenhoffunktionen als Verwaltungs- und Versammlungsgebäude.

Dazu kamen die gleichsam städtisch anmutenden Ausstattungsdetails, die man nur selten auf einem Bauernhof sah und eindeutig repräsentative Funktion hatten. Beschaut man das Gebäude von der Stadt-/Nordseite her, könnte man sich in der Stadt wähnen. In diesem Gebäude zeigte Kumpmann, zu welch bedeutender Stellung er es gebracht hatte – er konnte ein solches Gebäude errichten und darin seine gehobenen Funktionen in einem äußerst repräsentativen Rahmen wahrnehmen und darstellen.

Auszug aus:
Westfälische Kunststätten, Heft 104: Der Speicher von 1549 und die Hofanlage von Haus Kump. Herausgeber: Westfälischer Heimatbund, Kaiser-Wilhelm-Ring 3, 48145 Münster.

Der Westfälische Heimatbund

Der Westfälische Heimatbund nimmt als Dachorganisation von über 530 Heimatvereinen und rund 650 Ortsheimatpflegern in Westfalen Aufgaben der regionalen Heimat- und Kulturpflege wahr. Er bündelt die Aktivitäten der einzelnen Mitgliedsvereine und verfolgt das Ziel, die Einheit Westfalens zu erhalten und seine Eigenart zu pflegen. In den Menschen, die in diesem Raum leben oder sich ihm zugehörig fühlen, will er das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit wecken und vertiefen.

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