Lengerich: Der Römer

 
 

 
 
 

Lengerich - Am östlichen Eingang zum Kirchplatz – in der heutigen „Altstadt“ von Lengerich – steht ein Torhaus. Dieses trägt den Namen „Römer“. Die Namensherkunft ist geschichtlich nicht überliefert.

Der Römer in Lengerich
Der Römer in Lengerich - eines der Wahrzeichen der Stadt. Foto: Stefan Herringslack

Im Sommer 2001 wurden umfangreiche Sanierungsarbeiten am Gebäude Rathausplatz 4 in Lengerich, dem sogenannten Römer, durchgeführt. Eine baubegleitende, bauhistorische Untersuchung durch das Westfälische Amt für Denkmalpflege in Münster erbrachte neue Erkenntnisse zur Baugeschichte des Römers.

Bei dem den Lengericher Stadtkern schon aufgrund seiner Lage und Größe entscheidend mitprägenden Bauwerk handelt es sich im Kern um ein mittelalterliches Kirchhoftorhaus, das durch verschiedene Anbauten und Aufstockungen bis zu seiner heutigen Gestalt anwuchs.

Die Herkunft und Bedeutung der Bezeichnung Römer bleibt weiterhin unklar. Der Begriff ist erstmals im frühen 18. Jahrhundert belegt, während im 16. Jahrhundert lediglich von einem Steinwerk die Rede ist. Auch die Funktion des Römers ist nach wie vor unbekannt. Seine besondere Stellung zwischen Kirchplatz und Markt lässt für die Frühzeit aber auch eine öffentliche Nutzung der Durchfahrt als Versammlungsraum denkbar erscheinen.

Imposantes Bauwerk

Der Römer in Lengerich bei Nacht
Der Römer in Lengerich bei Nacht. Foto: Stefan Herringslack

Kern des Römers ist ein in der Durchfahrt etwa 6,4 Meter langes und 6 Meter breites, massives Torhaus, das nach den bisherigen Vermutungen den Zugang vom Marktplatz zum westlich anschließenden Kirchplatz bildete. Das Gebäude steht parallel zur Kirche und weist in Ost-West-Richtung eine Durchfahrt mit einer überdachten Halle auf.

Die Außenwände bestehen aus zweischaligem Sandsteinmauerwerk. Die Gebäudeecken sowie die Bögen sind aus sauber bearbeiteten Blöcken. Das restliche Außenmauerwerk ist zwar lagerhaft, aber mit unterschiedlichen und wechselnden Steinhöhen verlegt. Die beiden Durchfahrtsöffnungen weisen einen Spitzbogenabschluss auf. Die Wände beidseitig der Durchfahrt sind mit jeweils zwei spitzbögigen Blendbögen versehen.

Obwohl keine Reste eines älteren Obergeschosses vorhanden sind, ist anzunehmen, dass ein solches - vermutlich niedriges - aus Fachwerk bereits vor dem 1715 erfolgten Obergeschossneubau bestand. Über dem Obergeschoss befand sich wahrscheinlich in Durchfahrtsrichtung ein steiles Satteldach.

Bauzeit des Torhauses

Die Datierung des Torhauses erweist sich als schwierig. Das Gebäude zeigt zwar gotische Bauformen (Spitzbögen), aber keine architekturhistorisch datierbaren Details auf. Seine Entstehungszeit kann somit zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert (Gotik) möglich sein. Die spitzbögigen Blendbögen in der Durchfahrt sprechen für eine Entstehung im 13. Jahrhundert, während die gefassten Kämpfer der Durchfahrtsbögen noch in Gebäuden nach 1500 vorkommen.

Als einziges, bekanntes Vergleichsbeispiel bietet sich das bisher ebenfalls undatierte Kirchhoftorhaus in Havixbeck an. Dieses zweigeschossige, allerdings durchgängig massiv aus Sandsteinquadern errichtete Gebäude besaß im Obergeschoss ein heizbares Zimmer, in dem seit etwa 1580 die Schule untergebracht war.

Speicher

Um 1600 wurde ein zweigeschossiger Fachwerkspeicher mit 6,4 Meter östlicher Giebelbreite und wohl nur 4 m Länge mit seiner Nordtraufe bündig an die Südseite des älteren Torhauses gebaut. Gegenüber dem Ostgiebel des Torhauses sprang der Speicher mit seinem Giebel zum Marktplatz jedoch um etwa um 2,8 m nach Osten vor. Wegen des fehlenden Grenzabstandes ist zu vermuten, dass sich zu diesem Zeitpunkt beide Gebäude in gemeinschaftlichem Besitz befanden.

Über dem innen 3 Meter hohen Erdgeschoss befand sich ein etwa 2 m hohes Obergeschoss, das vermutlich Lagerzwecken diente und an der Ostseite durch eine niedrige Tür über der Erdgeschosstür beschickt werden konnte. Das Dachwerk bestand wohl aus einem steilen Satteldach in Ost-Westrichtung.

Wirtschaftsgebäude

1671 wurde das Torhaus nach Norden in der Länge des Torhauses um einen 2,9 m breiten und fast 5 Meter hohen, zweigeschossigen Fachwerkbau mit durchgehenden Wandständern erweitert. Das Gebäude besaß nur drei Außenwände, da die Geschoss- und Dachbalken in die massive Nordwand des Torhauses gelegt und mit Mauerankern gesichert wurden. Die Aussteifung erfolgte über eine Ständer-Ständer-Strebe im nordöstlichen Gefach. Das Dachwerk bestand aus Schleppsparren, die auf dem Dach des Torhauses auflagen.

Umbau des Römers zum Rathaus

Nach dem Erwerb durch die Stadt Lengerich legte 1851 der Bau-Inspektor Kawerau eine Umbauplanung des sogenannten Römer für ein Conferenz-Zimmer und für Gefängnisse vor. Dabei war geplant, das Fachwerk an der Nord- und Westseite des Wirtschaftsgebäudes und des Torhauses abzubrechen und massiv in Backstein zu ersetzen. Im nördlichen Erdgeschoss neben der Durchfahrt sollten zwei durch eine Querwand getrennte Gefängniszellen eingerichtet werden. Der Zugang sollte ebenso wie die Befeuerung der Eisenöfen in den Zellen über die nördliche Innenwand der Durchfahrt erfolgen. Der gesamte Umbau sollte 750 Taler kosten. Die geplante Umgestaltung wurde aber nur zum Teil durchgeführt.

Lediglich die westliche Traufseite ersetzte man im Obergeschoss von 1715 vollständig durch eine neue Backsteinwand. Diese erhielt drei große Fensteröffnungen mit Sandsteingewänden, Schiebefenstern und hölzernen Blendläden. Die aus Fachwerk bestehende Westseite des Wirtschaftsgebäudes brach man ab und errichtete stattdessen im unteren Bereich eine Wand aus Sandsteinquadern.

Jüngere Nutzungs- und Umbaugeschichte des Römers

Der Römer wurde von der Stadt sehr unterschiedlich genutzt. Den mittleren Bereich oberhalb der Durchfahrt nutzte man als Amtshaus (Sitzungszimmer und Büros), bis 1884 an der Tecklenburger Straße 1 ein neues Amtshaus fertig gestellt wurde, das aber bald wieder zu klein war. Im südlichen Teil (Speicher) befand sich bis in das 20. Jahrhundert die Dienstwohnung des Polizeidieners. Das nördliche Wirtschaftsgebäude beherbergte bis zum 1896/97 erfolgten Neubau des Rathauses einen Feuerwehrgeräteunterstand.

An der Ostseite befinden sich heute zwei klassizistische Türen aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, die wohl 1851 hier wieder verwendet wurden. Durch die südliche Tür gelangt man seitdem über eine Treppe in das 1. Obergeschoss. Hier wurde 1851 statt der im Erdgeschoss geplanten Gefängniszellen eine Haftzelle mit einem noch heute erhaltenen, schmalen, vergitterten Fenster nach Norden eingerichtet. Die nördliche Tür führt zum Geräteraum und dem Gewölbekeller, in dem sich heute die Heizungsanlage befindet.

1892 konnte durch das Eingreifen einer Bürgerinitiative um den Fabrikanten Gempt der von der Verwaltung schon beschlossene Abbruch des Römers verhindert werden. Auf der Parzelle des Römers sollte ein neues Rathaus gebaut werden, das dann aber 1896/97 etwa 40 m südöstlich auf einer Eckparzelle, Rathausplatz 1, entstand. Zwischen 1900 und 1907, dem Jahr der Fertigstellung des Neubaus an der Schulstraße, wurde zeitweise eine Klasse der Lengericher Rektoratschule (heutige Realschule) in den Römer ausgelagert. Zudem nutzte man den Römer zeitweise als Lagerraum für Altakten der Stadtverwaltung.

Mit der Zunahme des Straßenverkehrs im Innenstadtbereich wurde der Römer zunehmend als störendes Nadelöhr empfunden, das den Verkehrsfluss behinderte. Zur Trennung des Fußgängerverkehrs vom Fahrverkehr wurde 1954 im Speicher südlich der Torhausdurchfahrt eine Fußgängerpassage angelegt, die dort bis 1974 bestand. Diese Passage erhielt an der Ostseite des Römers einen neuen spitzbogigen Torbogen. Nach Aufgabe der Passage wurde hier eine neue, zum Saal über der Durchfahrt führende Treppenanlage angelegt.

1979 kam es zu einem tiefgreifendem Umbau. Das zwischenzeitlich kleinräumig als Wohnung genutzte 2. Obergeschoss des Torhauses und des Wirtschaftsgebäudes wurde entkernt. Dadurch erreichte man einen großen Raum. Dieser dient seitdem als Konferenzzimmer und als Gastraum für die 1980 im Speicher eingerichtete Gaststätte und für besondere Anlässe, wie zum Beispiel standesamtliche Trauungen.

Auszug aus: Westfälische Kunststätten, Heft 97: Kirchplatz und Römer in Lengerich. Herausgeber: Westfälischer Heimatbund, Kaiser-Wilhelm-Ring 3, 48145 Münster.

Der Westfälische Heimatbund

Der Westfälische Heimatbund nimmt als Dachorganisation von über 530 Heimatvereinen und rund 650 Ortsheimatpflegern in Westfalen Aufgaben der regionalen Heimat- und Kulturpflege wahr. Er bündelt die Aktivitäten der einzelnen Mitgliedsvereine und verfolgt das Ziel, die Einheit Westfalens zu erhalten und seine Eigenart zu pflegen. In den Menschen, die in diesem Raum leben oder sich ihm zugehörig fühlen, will er das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit wecken und vertiefen.

 
 

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Römer
Rathausplatz 4
49525 Lengerich
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