Münster: Der Westfälische Kunstverein

 
 

 
 
 

Münster - Wozu ein Verein für zeitgenössische Kunst gut sein kann, zegt der Westfälische Kunstverein Münster. Künstler und Künstlerinnen produzieren die Kunst an der Akademie oder im Atelier, die Besucher sehen sie sich später im Museum an. Doch was passiert in der Zwischenzeit und wer spricht und diskutiert über die aktuelle Kunst, damit sie Teil unseres Alltags wird? Hier besetzt der Kunstverein eine wesentliche Verbindungsstelle zwischen Kunstproduktion und ihrer Diskussion.

"Sigmar Polke, Original + Fälschung, 1973"| Rekonstruktion der Ausstellung anlässlich des 175-jährigen Jubiläums des Westfälischen Kunstverein - Foto: Roman Mensing/artdoc.de
"Sigmar Polke, Original + Fälschung, 1973"| Rekonstruktion der Ausstellung anlässlich des 175-jährigen Jubiläums des Westfälischen Kunstverein - Foto: Roman Mensing/artdoc.de

Mit den Ausstellungen internationaler aktueller Kunst im Westfälischen Kunstverein wird einerseits gezeigt, womit sich Künstler und Künstlerinnen heute auseinandersetzen, andererseits Besuchern die Chance gegeben, zu verstehen und auch zu bewerten, welche Bedeutung diese Kunst in der Gesellschaft einnehmen kann.

Gerade im letzten Jahrzehnt haben die Kunstvereine an Bedeutung gewonnen. In einer Zeit, da Museen einen inhaltlichen Spagat zwischen Finanznotständen der Gemeinden und von den Massenmedien geprägten Forderungen nach Spektakulärem und Publikumsträchtigen leisten müssen, haben sich die von jeher mit kleineren Etats, aber auch weniger Personal und Bürokratie ausgestatteten Kunstvereine als besonders leistungsfähig erwiesen. Häufige, gewollte Direktorenwechsel und der Anspruch, aktuelle Kunst in einem frühen Stadium und aus einer durchaus subjektiv gefärbten Perspektive zu zeigen, haben sie als Institutionen lebendig und beweglich gehalten.

Als besonderer Vorteil hat sich nun gerade die oft mit dem negativen Image "Vereinsmeierei" belegte Mitgliederstruktur herausgestellt. Jeder Kunstverein bringt sein Publikum schon mit sich, was zum einen den Mythos dessen, "was Besucher wollen" zumeist schnell entkräften kann, zum anderen eine Auseinandersetzung der jeweiligen künstlerischen Leitung mit dem Laienpublikum einfordert. Die Vermittlung zeitgenössischer Kunst in Ausstellungen, Künstlergesprächen, Vorträgen und Kunstreisen ist daher die zentrale Aufgabe der Kunstvereine. Im Westfälischen Kunstverein wird dieses Programm mit der traditionellen Unterstützung des Filmclubs Münster durch Filmvorführungen im Schlosstheater und Jazzkonzerte im Foyer des Landesmuseums erweitert.

Der Westfälische Kunstverein ist mit ungefähr 1000 Mitgliedern einer der größten, und mit seiner Gründung im Jahr 1831, einer der ältesten Kunstvereine. Er entstand aus einer privaten Initiative von Bürgern, die sich den Erhalt und die Sammlung der damals von der Säkularisation bedrohten Kunst zum Ziel gesetzt hatten, eine Ausrichtung, die schon zur Jahrhundertwende, aber dezidiert nach dem Zweiten Weltkrieg auf die aktuelle Kunst verändert wurde. Seine Sammlung, deren Hauptwerke vom Soester Antependium der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts bis zu Josef Albers’ Bild Protected Blue von 1957 reichen, befindet sich heute als Dauerleihgaben in der Schausammlung des Landesmuseums. Die Sammlung wird seit den 1980er Jahren mit Arbeiten auf Papier weitergeführt. Heute wie damals wird somit privates Geld für die Schaffung einer Öffentlichkeit für Kunst investiert. Beispielhaft für dieses Vorgehen steht heute der große Stein des Bildhauers Ulrich Rückriem (Untitled, 1985), den der Kunstverein in den 1980er Jahren ankaufte, vor dem Landesmuseum, in dem der Westfälische Kunstverein seinen Sitz hat.

Der Ausstellungsraum des Kunstvereins, der sich im ersten Stock des Museumsneubaus befindet, hat sich seit den 1970er Jahren bewährt. Seine charakteristische Form eines großen (270 m2), längstgerichteten Raums mit der abgetreppten Rückwand und der Oberlichtdecke, die dem Raum helles Tageslicht gewährt, ist inzwischen Behältnis und Gegenstand sehr verschiedener Installationen gewesen. Belebte der amerikanische Bildhauer Serge Spitzer ihn mit Tennisbällen, die aus verborgenen Wurfmaschinen hinter eingestellten Wänden hervorschossen, bezogen ihn Künstler wie Ulrich Erben, Sol LeWitt, Günther Förg und zuletzt Olaf Nicolai mit Wandmalereien in seiner Gesamtheit ein. Neben Einzelausstellungen internationaler Künstler und Künstlerinnen lenkten verschiedene Direktoren und Direktorinnen das Augenmerk auf aktuelle Themen, zu denen sie Arbeiten zusammentrugen. In den letzten Jahren können dafür die Ausstellungen Fragen an vier Bilder (1993), eine Präsentation von vier Bildern von Agnes Martin, Edward Hopper, Ad Reinhardt und Claude Lorrain, die provozierte, Zusammenhänge zu sehen und zu befragen, believe (2001), die zuletzt die Frage nach dem Verhältnis von Religiosität und Kunst stellte sowie jüngst formal social stehen, die am Beispiel aktueller Fotografie fragte, wie Künstler und Künstlerinnen heute in ihrer eigenen Sprache zum politischen und sozialen Alltag Stellung beziehen können.

Gerade die thematischen Ausstellungen und die sie begleitenden Vortragsreihen lassen dabei ein aktuelles Forum für die Diskussion zeitgenössischer Kunst entstehen. Wird dieses Forum von Studierenden der Kunstakademie gerade in den letzten Jahren wahrgenommen, verwundert es doch, wie wenig Studierende anderer Fachrichtungen den Weg zu den Eröffnungen und scheinbar auch Ausstellungen finden. Es hängt wesentlich von den Betrachtern ab, ob aktuelle Kunst weiterhin präsentiert und diskutiert werden kann. Vergleiche mit anderen Ländern zeigen, dass Institutionen wie die Kunstvereine keine Selbstverständlichkeit sind und darüber hinaus auf dem Engagement von Mitgliedern, Vorstand und anderen Mitarbeitern gründen. Diese Personen vereint die Überzeugung, dass Kunst weiterhin einen Teil unserer Mediengesellschaft einnehmen kann und sollte. Wenn man will, dass Kunst nicht nur historisch, sondern auch aktuell unser Leben bestimmt, erfordert das zumindest die Wahrnehmung des Angebots aktueller Kunst. Fernsehen kann man immer noch.

© Carina Plath für den Westfälischen Kunstverein - Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung

 
 

Online-Routenplaner Bus & Bahn

Planen Sie bequem Ihre Route von der Haustür bis zum Ziel mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie müssen nur noch Ihre Startadresse eingeben.

Anreise planen

 
 

Adresse

Westfälischer Kunstverein
Rothenburg 30
48143 Münster
Tel.: 0251 46157
Route berechnen
Auf Karte zeigen
Website besuchen
 

Sehenswürdigkeiten in der Kartenansicht

Lust auf Urlaub?

Hotels im Münsterland
Ferienwohnungen finden
Individuelle Angebote erstellen lassen