Radtour: Von Kalkhügeln und Kirchgängern

 
 

 
 
 

Goldgelbe Weizenfelder, roter Klatschmohn und türkisfunkelndes Wasser – allein diese exquisite Farbkombination sollte Grund genug sein, sich eine Tour auf der 36 Kilometer langen NaTourismus-Route im Norden des Steinfurter Landes für einen der nächsten Sonntagsausflüge vorzunehmen.

Oder brauchen Sie eher akustische Anreize? Dann ist das Lied der Feldlerche, der diese Route ihren Namen zu verdanken hat, erste Wahl. Tief durchatmen kann der Radler zwischendurch auch, zum einen auf dem Thieberg, wenn er die einzige „Bergwertung“ der Route hinter sich gebracht hat, zum anderen am Gradierwerk der ehemaligen Saline in Rheine, wo nicht nur die Luft, sondern auch die Pflanzenwelt maritim beeinflusst ist.

Auf den Spuren Winnetous

Wir starten unsere Radtour im Herzen Rheines und wenden uns in Richtung Süden, wo wir alsbald den Waldhügel erreichen. Stolze 918 Pflanzenarten haben Botaniker auf dem Waldhügel mittlerweile gezählt. Dazu gehören Raritäten wie Bienen-Ragwurz, Fransen-Enzian, Frauenspiegel und Wiesen-Storchschnabel. Wäre das Gebiet wirklich nur das, was der Name vorgibt – ein bewaldeter Hügel – läge diese Zahl deutlich niedriger. Wegen des anstehenden Kalkgesteins hat die Kalkindustrie den Hügel jedoch kräftig durchlöchert. In den aufgelassenen Steinbrüchen haben sich artenreiche Kalktrockenrasen entwickelt, die seit 1994 unter Naturschutz stehen. Da Enzian, Augentrost und Co. ohne Pflege keine Chance gegen die unweigerlich anrückende Konkurrenz aus Brombeeren, Schlehen und Wildrosen haben, halten Ziegen und Schafe halten die Gebüsche im Zaum.

Unbestrittenes optisches Highlight ist aber der See am Fuße eines ehemaligen Steinbruchs. Für Karl May-Freunde fehlen nur noch Winnetou und Old Shatterhand, die in einem Kanu über das türkisblaue Wasser gleiten. Feinst verteilte Kalkkristalle im Wasser reflektieren das Streulicht und sorgen für die besondere Färbung des Sees. Wald, Magerrasen, Gebüsche, Brachen, Gewässer, Wiesen und Äcker – dieses  kleinräumige Mosaik verschiedenster Lebensräume bedingen die weit und breit unerreichte Artenvielfalt des gut 80 Hektar großen Naturschutzgebietes.

Abgezirkelt – Von der Mark zur Parklandschaft

Auf unserem weiteren Weg nähern wir uns Neuenkirchen. Als erster Ausläufer begegnen wir auf unserem Weg der Neuenkirchener Mark. Zu beiden Seiten des Weges ist alles gut abgezirkelt. Hecken und Wege, die im rechten Winkel aufeinanderstoßen, sind Zeichen dafür, dass ein Geometer am Werk war. Bei der Teilung der Neuenkircher Mark Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das bis dahin gemeinschaftlich genutzte Land in Privatbesitz aufgeteilt. Der eigene Besitz bekam dabei mangels Stacheldraht meist eine Umpflanzung mit Stieleiche, Vogelbeere, Faulbaum und anderen heimischen Bäumen und Sträuchern. Weil mit der Einfriedung eine Entwässerung der oft nassen Flächen einherging, wurden die Gehölze auf dem Aushub der dafür angelegten Gräben gepflanzt.

So war die Markenteilung nicht nur die Geburtsstunde vieler  Wallhecken, sondern auch der oft gepriesenen Münsterländer Parklandschaft. Viele Hecken haben sich bis heute erhalten und sind Lebensraum für Singdrossel, Goldammer und Feldspatz. Ein Vergleich mit alten Karten zeigt aber einige Lücken im einst engmaschigen Heckennetz. Eine Begegnung mit einem modernen Mähdrescher mit bis zu 12 Metern Schnittbreite macht deutlich, warum Parklandschaft und moderne Landwirtschaft nicht immer kompatibel sind…

Himmlischer Gesang über dem Thieberg

Wir fahren weiter - zunächst durch Neuenkirchen und dann auf den Thieberg zu. Direkt am Ortsrand von Neuenkirchen geht es bergauf. „Schuld“ daran ist der 84 Meter hohe Thieberg - der letzte Ausläufer des Teutoburger Waldes. Der Thieberg ist aus Kalkgestein aufgebaut, das sich aus den Hinterlassenschaften unzähliger Krebse, Muscheln und anderer Bewohner eines Flachmeeres bildete, das vor rund 90 Mio Jahren die münsterländische Bucht bedeckte. Von der vielgepriesenen Parklandschaft des Münsterlandes fehlt auf dem Thieberg jede Spur, eher werden Assoziationen an die Soester Börde geweckt. Hier wie da sind es die guten Böden, die die Bauern frühzeitig bis auf den letzten Quadratmeter ausgenutzt haben. Viel Platz für Ackerwildkräuter bleibt da nicht. Was schade ist, da sich gerade auf den kalkreichen Böden eine bunte Ackerrandflora einstellen könnte.

Immerhin, mit etwas Glück können wir neben Klatschmohn und Kamille auch den Acker-Rittersporn entdecken, der auf dem Thieberg eines seiner ganz wenigen Vorkommen im Münsterland hat. Andere Kalkzeiger am Wegesrand sind die Skabiosen-Flockenblume oder vereinzelt die Echte Schlüsselblume. Auf dem Thieberg gibt es noch viele goldgelbe Felder mit Weizen- und Gerste, selbst wenn der Mais auch hier auf dem Vormarsch ist. Im Frühling lässt aus luftiger Höhe ein Vogel seinen lang andauernden Gesang erklingen, der andernorts längst verstummt ist: die Feldlerche. Die vielen Feldlerchen machen den Thieberg zu einem akustischen Erlebnis. In das Frühlingskonzert stimmt auch der Kiebitz ein, auch wenn er mit seinen typischen „kjuwitt“-Rufen viel einsilbiger ist als die Feldlerche. Eigentlich bevorzugt er Feuchtgebiete, aber die Weite und ein offensichtlich gutes Nahrungsangebot locken jedes Jahr einige Brutpaare auf den Thieberg. Mit seinen Beständen sieht es ähnlich aus wie bei der Feldlerche: Es geht bergab. So steil, dass zu befürchten ist, dass der Kiebitz bald ganz aus dem Münsterland verschwinden wird.

Feuchtwiesen mit Vertrag

Die nächste Station unserer Radtour ist bald erreicht: das Naturschutzgebiet Wadelheim-Bentlage. Wie viele andere Naturschutzgebiete sind die Feuchtwiesen rund um Wadelheim-Bentlage wichtige Rückzugsgebiete für gefährdete Tiere und Pflanzen. Großer Brachvogel und Baumfalke brüten hier, Bekassinen rasten zu den Zugzeiten und Geflecktes Knabenkraut und Kuckucks-Lichtnelke bringen zusätzliche Farbe in das Wiesengrün. Die extensive Bewirtschaftung ermöglicht einen Artenreichtum,  der „normalen“ Wiesen fehlt.

Das hat aber seinen Preis: Landwirte, die ihre Flächen freiwillig nach Vorgaben des Vertragsnaturschutzes bewirtschaften, bekommen Ausgleichszahlungen. Die konnten mit den in der Vergangenheit rasant gestiegenen Pachtpreisen allerdings nicht mehr konkurrieren. Folge: Viele Verträge im Münsterland wurden gekündigt und Wiesen, die teilweise 20 Jahre und mehr geschützt waren und sich gut entwickelt hatten, wurden zu Äckern. Im Naturschutzgebiet Wadelheim-Bentlage gibt es diesen Trend zum Glück noch nicht. Ein anderes Problem ist hier: Geschützte und intensiv genutzte Flächen, Feuchtwiesen und Äcker wechseln sich munter ab und bilden eine Art Flickenteppich. Ein Nachteil für Arten, die einen höheren Flächenbedarf haben. Ein kleiner Singvogel scheint damit aber ganz gut klar zu kommen, die Schafstelze.

Kloster und Klapperstörche

Nach einigen weiteren Kilometern auf dem Rad gerät das Kloster Bentlage in unseren Blick. Die Kulturlandschaft in Bentlage haben über viele Jahrhunderte die Mönche geprägt, die im 1437 gegründeten Kreuzherrenkloster lebten und arbeiteten. Die Klosterchronik beschreibt, dass es sich hier angenehm leben und wirtschaften ließ, schließlich fanden die Mönche hier alles, was sie brauchten: „… Raum für Gebäude, Wälder für Holz, Steine, Sand und Kalk zum Bauen, Lehm für Ziegelsteine, Dachziegel und Wände, Holz und Soden für das Feuer, Äcker für Getreide, Wiesen für Gras, Weiden für das Vieh, Flüsse für Fische und alles Lebensnotwendige, Blumen für die Bienen und Wachs, Triften für Schafe und Salz in Gruben.“

Noch heute lassen sich Reste eines Wölbackers erkennen, der bei feuchtem Untergrund bessere Ernten versprach. Der Bentlager Wald weist deutliche Spuren der Waldhude auf, bei der die Schweine in den Wald getrieben wurden, um sich an Eicheln und Bucheckern fett zu fressen. Auch wenn das Kloster Anfang des 19. Jahrhunderts säkularisiert wurde, ist es nach wie vor ein Ort der Stille und Kontemplation. Die Klosteranlage ist heute im Besitz der Stadt Rheine und ein Ort für vielfältige kulturelle Aktivitäten.

Weißes Gold und maritime Pflanzen

Unweit des Klosters liegt die im Münsterland einzigartige Saline Gottesgabe. Die Salzgewinnung in dem imposanten Gradierwerk ist in Rheine schon seit dem Jahr 1022 belegt. Ein Gang entlang der Anlage vermittelt einen guten Eindruck von der Tropfdorngradierung, mit der die Konzentration der Sole verdoppelt werden konnte, was die anschließende  Versiedung im benachbarten Siedehaus erst rentabel machte. Das Wasser tröpfelt durch eine Füllung aus Schwarzdorn, über dessen große Oberfläche des sparrigen Verzweigung das Wasser besonders gut verdungsten kann. Zurück bleibt der Dornstein, ein gräulicher Überzug aus Kalk. Das Spritzwasser rund um das Gradierwerk ist so „gesalzen“, dass hier mit Salzschwaden und Salz-Schuppenmiere Pflanzen wachsen, deren eigentliche Heimat die Meeresküsten sind.

Überraschend ist auch das Klappern der frei lebenden Weißstörche aus dem benachbarten Naturzoo. Die mittlerweile auf fast 100 Brutpaare angewachsene Storchenkolonie ist zwar die größte in Mitteleuropa, aber nicht ganz unumstritten. Weil die Störche im Zoo ihr Futter quasi auf dem Silbertablett präsentiert bekommen, gibt es Vermutungen, dass sie potentiell geeignete Lebensräume aus Bequemlichkeitsgründen gar nicht erst besiedeln. Zudem meinen Kritiker, dass die vielen Störche eine intakte Natur vorgaukeln, die es so nicht gibt. Wie dem auch sei, ein beeindruckender Anblick sind sie allemal.

Textauszug aus den Broschüren zur Route, erhältlich z.B. bei der Biologischen Station Kreis Steinfurt e.V. (siehe unten).

Kurzportrait


Weitere Informationen

Biologische Station Kreis Steinfurt e.V.
Bahnhofstr. 71
49545 Tecklenburg
Tel.: 05482-9291-0
Route berechnen
Auf Karte zeigen
Website besuchen
 

Hier starten die Touren!

 
 

Rad-Profis vor Ort

Ein neues Fahrrad gefällig? Oder mit dem alten zur Reparatur? Hier finden Sie die Zweirad-Profis aus dem Münsterland im Überblick. Zu den Anbietern

 

 
 

Loading...

Loading...

Loading...