Radtour: Durch Sand und Klei

 
 

 
 
 

45 Kilometer sind kein Pappenstiel. Schon gar nicht, wenn es zwischendurch einige Anstiege zu bewältigen gilt und der Untergrund nicht immer aus Asphalt besteht. Die Schlehenroute ist etwas für ambitionierte Radler, die für ihr Naturerlebnis bereit sind, auch ein paar Tropfen Schweiß zu vergießen.

Der Routentitel „Durch Sand und Klei“ steht für den naturräumlichen Gegensatz auf der Route. Während Greven noch ganz vom feinen „Karnickelsand“ der Emssandebene geprägt ist, setzen sich weiter westlich die „fetten“ Lehmböden, im Münsterland auch als Klei bezeichnet, gerne mal im Reifenprofil fest. Hier Sand, da Klei - das waren früher nicht nur landschaftliche, sondern durchaus auch soziale Gegensätze. Die "dicken" Bauern saßen im Klei, die armen im Sand. Das hat sich heute geändert.

Ins Korsett gezwängt

Wir starten unsere Radtour in Grevens Innenstadt. Schon nach wenigen Minuten erreichen wir "Greven Beach". Manch einer wundert sich vielleicht, warum Greven sich mit hohen Deichen vor einem Flüsschen schützt, das meist friedlich in seinem Bett schlummert und in trockenen Sommern in kurzer Hose durchwatet werden kann. Aber der Eindruck täuscht. Zwei, drei Tage Dauerregen, schon kann das Emswasser dicht an der Deichkrone stehen. Früher floss die Ems da entlang, wo heute Baumarkt und Discounter Konsumentenwünsche befriedigen. Bei der Emsbegradigung in den 1950er Jahren hat man den Fluss nach Westen verlegt und dabei in ein so enges Korsett gezwängt, dass es schnell aus den Nähten platzt. Die Deiche mussten in Folge kräftig in die Höhe wachsen. Ohne sie hätten die Grevener schon so manches Mal nasse Füße bekommen. Immerhin, an einem kleinen Emsabschnitt nördlich der Brücke darf die Ems an ihrem Ufer knabbern. Dort hat man die obligatorische Steinschüttung entfernt.

Eine Aktionsfläche in der stadtnahen Aue ist im Sommer beliebter Treffpunkt für verschiedene Freizeitaktivitäten. Die meisten Strandbesucher dürften kaum ein Auge für die bunte Vielfalt haben, die sich ihnen auf der gegenüberliegenden Seite der Ems bietet: Echtes Labkraut, Skabiosen-Flockenblume und Wilde Malve gedeihen dort in einer extensiv genutzten Wiese.

Die Wasserschlösser der Bauern

Wir radeln wieder ein Stück und gelangen zur Gräfenhöfe. Die Verbreitung der Gräftenhöfe deckt sich sehr stark mit dem Bereich der Streusiedlung und hat daher im Münsterland ihren Schwerpunkt. Hier wiederum ist es das wohlhabende Kern- oder Kleimünsterland, das dem in der Vergangenheit vergleichsweise „ärmlichen“ Sandmünsterland deutlich den Rang abläuft. Nicht zuletzt ist auch die Wasserhaltung auf den durchlässigen Sandböden nicht ganz einfach.

Gräftenhöfe sind – etwas vereinfacht  - die Wasserschlösser der Bauern, nach dem Motto: Was „die da oben“ können, kann ich schon lange. Das Repräsentationsbedürfnis ist wohl eines der wesentlichen Motive für den Bau von Gräftenhöfen gewesen. Nur größere Bauern - im Münsterland also vor allem die Schulzen - konnten sich eine derart aufwendige Hofanlage leisten. Daneben hat sicher auch das Schutzbedürfnis eine wichtige Rolle gespielt. Etwa 800 Gräftenhöfe gab es zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Westfalen.

Der denkmalgeschützte Hof Reckfort kann auf eine über 400-jährige Geschichte zurückblicken. An der komplett erhaltenen Gräfte macht der Eisvogel gelegentlich eine Stippvisite, die alten Eichen rund um den Hof suchen Kleiber und Buntspecht nach Essbarem ab. Vielleicht entdecken sie dabei auch merkwürdige Gebilde. (Steckbrief Pflanzengallen).

Pättken mit Aussicht

Unsere Radtour führt uns weiter und zwar bis zum Altenberger Höhenrücken. Der Boden auf dem Altenberger Höhenrücken ist kalkhaltig, was sich auch in der Vegetation widerspiegelt. An den Wegsäumen wachsen Kalkzeiger wie Skabiosen-Flockenblume oder Odermennig, in den Wäldern Aronstab, Waldmeister und Waldzwenke. Mit etwas Glück lassen sich sogar Orchideen wie das Purpur-Knabenkraut und die Waldhyazinthe am Wegesrand entdecken.

In den Hecken und an den Waldrändern blüht im zeitigen Frühjahr der Strauch, der Namenspate unserer Route ist, die Schlehe. Aus den Gebüschen erklingt der Gesang von Rotkehlchen, Mönchsgrasmücke und Heckenbraunelle. Die Kombination aus kalkhaltigem Boden, Hecken, die Halbschatten spenden und vor allem der fehlende Düngereinfluss kommt nicht nur den etwas kapriziösen Orchideen entgegen. Auch die Weinbergschnecke ist auf kalkhaltige Böden angewiesen.

Klein, aber fein

Für uns geht es mit dem Rad weiter und zwar nunmehr zum Naturschutzgebiet Hanseller Floth. Im „Hanseller Floth“ kommen vor allem Liebhaber nassen Milieus auf ihre Kosten. Was bei der Bedeutung des Wörtchens „Floth“ als „überschwemmtes Land“ nicht ganz überraschend ist. Wenn viele Wiesen bereits den ersten Schnitt hinter sich haben, ist es im Hanseller Floth meist noch richtig nass: Statt sattem Grün ist tristes Grau angesagt. Pfeifengraswiesen – so bezeichnet der Botaniker diesen Wiesentyp - können erst so spät gemäht werden, dass es sich nicht mehr lohnt, das Heu zu verfüttern. Wertlos war es früher damit nicht, denn im Winter kam es als Einstreu in die Ställe.

Angesichts moderner Viehställe mit Spaltenböden sind diese Zeiten natürlich längst vorbei. Die früher verbreiteten „Streuwiesen“ gehören daher heute zu den seltensten Wiesentypen überhaupt, wodurch sich das Hanseller Floth sogar den Rang eines europäischen Schutzgebietes verdient hat. Arten wie Pfeifengras, Wiesen-Silge, Teufelsabbiss oder Breitblättriges Knabenkraut haben sich an diese Nutzungsweise angepasst. Allerdings – was durch eine bestimmte Nutzungsweise entstanden ist, muss auch weiterhin so genutzt werden. Dies geschieht im Hanseller Floth im Rahmen des Vertragsnaturschutzes. Was in diesem Falle nichts anderes heißt, als dass der Eigentümer Ausgleichszahlungen für eine Bewirtschaftung bekommt, die für ihn nicht mehr rentabel ist.

Ein Rest Heideromantik

Wenn wir uns satt gesehen haben, steigen wir wieder auf's Rad, denn die Bockholter Berge, unsere nächste Station warten bereits auf uns. In den Bockholter Bergen sind die ausgangs der letzten Eiszeit aufgewehten Emsdünen mit einer Wacholderheide bedeckt. Sie zu erhalten hat schon so manchen Tropfen Schweiß gekostet. Ehrenamtliche Naturschützer reißen regelmäßig Brombeeren und andere aufkommende Gehölze aus dem sandigen Boden. Unterstützt werden sie von einer Schafherde, die einige Wochen im Jahr durch die Heide zieht und die Vegetation kurz hält. Wenn selbst das nicht mehr ausreicht, kommt schweres Gerät zum Einsatz. Alleine schaffen Besenheide, Wacholder und andere lichthungrige Pflanzen es nicht, sich der übermächtigen Konkurrenz der Bäume zu erwehren.

Die Mühe lohnt. Seltene Pflanzen und Tiere wie Bauernsenf, Sandrapunzel, Silbergras, Sandlaufkäfer und Zauneidechse haben in den Bockholter Bergen ein wichtiges Refugium. Daran hätte bestimmt auch Hermann Löns seine helle Freude gehabt. Der Dichter, übrigens auch ein anerkannter Naturforscher, weilte gelegentlich in den Bockholter Bergen und hat einen Gedenkstein bekommen.

Menschengemacht

Die letzte Station unserer Radtour ist der Emsaltarm Hassel. Der „Altarm an der Hassel“ südlich von Greven ist ein typischer „menschengemachter“ Altarm. Er wurde in den 1930er Jahren beim Ausbau der Ems vom Flusslauf "abgehängt". Zusammen mit den angrenzenden Wiesen und Weiden, in denen es kleinere, im Frühjahr mit Wasser gefüllte Mulden gibt, ist er ein Eldorado für viele Tier- und Pflanzenarten. Schwanenblume, Langblättriger Ehrenpreis und Nickende Distel blühen hier, der Eisvogel sitzt auf überhängenden Ästen und lauert auf Beute und die Haubentaucher machen mit ihren Jungen im Rückengefieder Ausflüge. Der Teppich aus Teichrosen ist nicht nur optisch hübsch anzusehen, sondern dient auch als Bühne für ein sommerliches Froschkonzert.

Textauszug aus den Broschüren zur Route, erhältlich z.B. bei der Biologischen Station Kreis Steinfurt e.V. (siehe unten).

Kurzportrait


Weitere Informationen

Biologische Station Kreis Steinfurt e.V.
Bahnhofstr. 71
49545 Tecklenburg
Tel.: 05482-9291-0
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