Der Mann ohne Kopf

 
 

 
 
 

Dass der ein oder andere mal den Kopf verliert, kommt selbst in den besten Familien vor. So wörtlich wie in dieser Sage aus Emsdetten, die neben weiteren im Emsdettener Sagenbrunnen verewigt ist, ist es jedoch selten. Anders als in den meisten Erzählungen ist hier übrigens nicht überliefert, welches Schicksal die Erscheinung zuvor erleiden musste.

In Emsdetten erzählte man sich schon seit langer Zeit die Geschichte von einem Mann ohne Kopf, der um die Nacht zu Johanni durch Heide und Wald stapfen sollte. Ein Jeder, der vorgab, ihn gesehen zu haben, beteuerte, was für ein schauriger Anblick dies gewesen sein sollte. Niemals jedoch soll er einem von ihnen ein Leid getan haben.

An einem Abend vor Johanni saßen in einer Schänke mehrere Bauern aus dem Ort beisammen, als sich die Tür des Wirtshauses plötzlich öffnete und ein junger Knecht hereinstürmte – kalkweiß im Gesicht und mit schlotternden Knien. Er setzte sich zu den erschrockenen Männern und erzählte, nach einem Gläschen Schnaps zur Beruhigung, seine Geschichte.

„Ich habe heute Abend mein Mädchen in Ahlintel besucht und war soeben auf dem Weg nach Hause durch den Sternbusch, als plötzlich mein Hund ganz fürchterlich zu jaulen begann. Als ich sah, was ihn so erschreckt hatte, da nahm er auch schon Reißaus. Ich habe ihn seither noch nicht wieder gesehen.

Vor mir stand plötzlich am Wegesrand der Mann ohne Kopf. Das heißt: Nein! Nicht ohne Kopf! Denn seinen Kopf trug er in den Händen! Ich stand wie angewurzelt da und konnte mich vor Schreck nicht bewegen. Und glaubt es mir oder nicht: Seine Augen haben mich direkt angesehen.

Aber seine Augen sahen gar nicht bedrohlich aus, wie ich nach den ganzen Geschichten über ihn immer gedacht hatte. Stattdessen hat er mich traurig angesehen. Eine ganze Zeitlang, in der ich mich nicht zu rühren vermochte. Dann wandte er sich ab und schlich mit unbeholfenem Schritt in das dunkle Gebüsch. Da bin ich hierher gerannt so schnell ich konnte.“

Einen Moment lang war es ruhig an dem Tisch, ehe die Bauern in schallendes Gelächter ausbrachen und dem jungen Knecht auf die Schultern klopften. Sein Mädchen habe ihm wohl den Verstand geraubt, lachten sie und machten noch allerhand derbe Scherze über armen Jungen.

Doch je später der Abend wurde, desto weniger albern kam sich der Knecht vor. Denn obschon es längst deutlich nach Mitternacht war, brach keiner der Bauern auf. Jeder fand einen Vorwand, noch etwas länger zu bleiben und wieder und wieder baten sie den Wirt, noch etwas bleiben zu dürfen. Erst im Morgengrauen trauten sich auch diese gestandenen Männer aus der Wirtschaft und auf den Weg nach Hause…

Für den Hinweis und die Textvorlage bedanken wir uns herzlich bei dem Heimatverein Emsdetten.


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