Dat Griese Föllen

 
 

 
 
 

Diese Erzählung unserer Serie „Sagenhaftes Münsterland“ ist ein besonderer Leckerbissen, denn Willi Kamp aus Emsdetten erzählt sie uns sowohl auf Plattdeutsch wie auch auf Hochdeutsch. Sie ist seinem Band „Dat Twedde Gesicht un annere Spöökerien“ entnommen.

Dat Griese Föllen (Plattdeutsche Version)
Et gaff fröher `ne gaase Riege vön Spook-Diërs, de de Menschken Angst mocken un de aobends an’t Härdfüer bi’t Vertellen ümmer wiër vüörkammen. Et wuer vön de Schwatte Katt vertellt., vön’n Teihn-uhrsrüen, vön’t Daudenvüegelken un vön’n Rattenspook. Dann gaff et no dat „Kladdrige Schaop“ un dat Griese Föllen.Wenn dat Greise Föllen sick wie-sede, dann passeerde wanners wat Leiges. Dat meldete sick alltiet, wenn Krankheit off Daut off grauten Brand nich mähr wiet wegg wassen.

Et harr `ne schwat-griese Kläör un jagg äs so’n langen schmallen Striepen an’n Hiëmel langs. Mangs bleef et’n Moment staohn, dann was et gau wiër verschwunnen.Dao kamm eenmaol eene Buersfrau vön üören Marktgank wiër trügge un vertellde, dat se so’n gries Diër üöwer de Baime raosen seihn harr. Un se beschreew, wat se seihn harr. Baol wassen sick alle eenig: Dat was dat Griese Föllen west. Un alle, de tolustert harren, leip et ieskolt üöwer’n Puckel.

Een paar Dage later kreeg dat jüngste Kind vön de Buersfrau de Bliëken. De Krankheit namm dat Kind harre met. Äs nu no Buorstfever debi kamm, verlaus datKind giëgen dän Daud. Äs nu de kleine witte Sark in de schwatte Äer kamm, dao moß dann doch manchereen an dat Griese Föllen denken.Män up düssen Hoff passeerde no düt: Wull’n Jaohr laater kamm de Öhm eenes Aobens nao Hus - gaas blass un verfeert un verjaggt. Iärst up guett Toküern fönk he an’t Vertellen. Ächter dän Hüewelkamp harr he dat Griese Föllen vüörbi-susen seihn. He harr dat schwatt-griese un strubbeligge Fell gaas akraot in’n Mondschien utmakt. De Mähne un dat lange Stiärt harren äs lange witte Fahnen in’n Wind liägen. Et was’n Föllen west un gliektietig een gaas old Diër. Dat Schlimmste was: Et harr allemen dän Kopp so hän un hiär schmiëtten, dat de Augen wittgleinig löcht harren.

De Öhm was heel verbistert west un harr alemenn segt: „Well de nu wull an is?“ Alle küern em guett to – auk wenn et üör söwes nett binaut was. Vön düsse Tiet an was de Öhm gaas verännert. He küerde met sick söwes, un siene Arbeit, well he dei, wuer auk ni recht färrig. Eenige Knechte un Miägde wassen an’t Nüedeln: De Öhm soll doch siene Arbeit dohn un so aislike Quinten vön Spöökerien ächter wiäges laoten.

Pat äs se dän Öhm later daut an de Wallhiëge funnen häbt, wuerden jä doch alle naodenklich. Un man wusst wiër, dat Griese Föllen harr ümmer `ne wichtige
Botschapp.

Das Graue Fohlen (Hochdeutsche Version)
Es gab früher eine Reihe Spuk-Tiere, die den Menschen Angst machten und die abends am Herdfeuer beim Erzählen immer wieder vorkamen. Es wurde von der Schwarzen Katze erzählt, vom Zehnuhrshund, vom Totenvögelken und vom Rattenspuk.

Dann gab es noch das „kladderigge“ Schaf und das Graue Fohlen. Wenn das Graue Fohlen sich zeigte, dann geschah bald etwas Schlimmes. Es meldete sich immer, wenn Krankheit, Tod oder ein großer Brand kurz bevorstanden. Es hatte eine schwarzgraue Farbe und jagte wie ein langer schmaler Streifen am Himmel entlang. Manchmal blieb es einen Moment stehen, dann war es schnell wieder verschwunden. Es kam einmal eine Bauernfrau vom Marktgang zurück und erzählte, sie hätte das graue Tier über den Bäumen rasen sehen.

Sie beschrieb, was sie gesehen hatte. Bald waren sich alle einig: Das war das Graue Fohlen gewesen. Und alle, die zugehört hatten, lief es eiskalt über den Rücken. Einige Tage später bekam das jüngste Kind der Bäuerin die Masern. Die Krankheit schwächte das Kind sehr. Als nun noch Lungenentzündung dazu kam, verlor das Kind gegen den Tod. Als nun der kleine weiße Sarg in die schwarze Erde gesenkt wurde, musste, doch mancher an das Graue Fohlen denken.

Aber auf diesem Hof geschah noch dies: Etwa ein Jahr später kam der Öhm eines Abends nach Haus – sehr blass und in Panik. Erst auf gutes Zureden begann er zu erzählen. Hinter dem Hügelkamp hatte er das Graue Fohlen vorbeisausen sehen. Er hatte das schwarzgraue und krause Fell ganz genau im Mond- schein gesehen. Die Mähne und der lange Schweif hatten wie lange weiße Fahnen im Wind gelegen. Es war ein Fohlen gewesen und gleichzeitig ein ganz altes Tier.

Das Schlimmste war: Es hatte den Kopfimmer hin- und her geworfen, und die Augen hatten weißglühend geleuchtet. Der Öhm war sehr in Panik und hatte wiederholt gesagt: „wer jetzt wohl dran ist?“ Alle redeten ihm gut zu – auch wenn es ihnen unheimlich war.

Von dieser Zeit an war der Öhm verändert. Er redete mit sich selber, und mit seiner eigenen Arbeit kam er nicht zurecht. Einige Knechte und Mägde nörgelten. Der Öhm sollte doch sein Werk tun und sowas Unheimliches wie Spuk nicht mehr beachten. Aber als man den Öhm tot an der Wallhecke fand, wurden alle nachdenklich. Und man wusste wieder, das Graue Fohlen hatte immer eine wichtige Botschaft.

Für die Texte bedanken wir uns herzlich bei Willi Kamp aus Emsdetten, der in seinem Buch "Dat Twedde Gesicht un annere Spöökerien" zahlreiche Sagen aus der Region gesammelt und in plattdeutscher Sprache wieder gegeben hat.


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