Die spukende Jungfer von Freckenhorst
Die Gründung eines Klosters in Freckenhorst geht nach der Überlieferung auf den sächsischen Edelherren Everward und seine vermeintliche Gemahlin Geva zurück. Die Gründung erfolgte um 856. Dass sich mehrere Jahrhunderte später hier eine schauerliche Geistergeschichte ereignen würde, ahnten die Gründer seinerzeit sicher nicht.
Vor mehr als dreihundert Jahren lebte in dem münsterischen Stift Freckenhorst eine Äbtissin, eine sehr fromme Frau. Bei dieser diente eine Haushälterin, Jungfer Eli genannt. Doch diese war so gar nicht wie die Äbtissin. Sie war bös’ und geizig und wenn arme Leute kamen, um ein Almosen zu erbitten, trieb sie sie mit einer Peitsche.
Als Jungfer Eli schließlich todkrank auf ihrem Bett lag, mochte keiner rechte Trauer empfinden. Man rief den Pfarrer, sie auf den Tod vorzubereiten. Der Pfarrer fand sie in ihrem Bette und sie war böse und gottlos wie immer, wollte nichts von Besserung hören, sondern drehte sich um nach der Wand, wenn ihr der Pfarrer zureden wollte, und so verschied sie.
Sobald sie die Augen schloss, zersprang die Glocke und bald darauf fing sie an, in der Abtei zu spuken. Als eines Tages die Mägde in der Küche saßen und Fitzebohnen schnitten, fuhr sie mit Gebraus zwischen ihnen her, gerade wie sie sonst leibte und lebte, und rief: »Schniet ju nich in de Finger, schniet ju nich in de Finger!« Und gingen die Mägde zur Milch, so saß Jungfer Eli auf dem Stege und wollte sie nicht vorbeilassen.
Ein andernmal lief sie hinterher, zeigte den Mägden eine schöne Torte und sprach: »Tart! Tart!« Wollten sie die nun nicht nehmen, so warf sie die Torte mit höllischem Gelächter auf die Erde, und da war's ein Kuhfladen.
Auch die Knechte sahen sie, wenn sie Holz schlugen; da flog sie immer von einem Baumzweig im Wald zum andern. Nachts polterte sie im Hause herum, warf Töpfe und Schüsseln durcheinander und störte die Leute im Schlaf.
Und schließlich erschien sie auch der Äbtissin selbst auf dem Wege nach Warendorf, hielt die Pferde an und wollte in den Wagen hinein. Die Äbtissin aber sprach: „Ich hab nichts zu schaffen mit dir; hast du übel getan, so ist's nicht mein Wille gewesen.“
Jungfer Eli wollte sich aber nicht abweisen lassen. Da warf die Äbtissin einen Handschuh aus dem Wagen und befahl ihr, den wieder aufzuheben und während sie sich bückte, trieb die Äbtissin den Fuhrmann an und sprach: „Fahr zu, so schnell du kannst, und wenn auch die Pferde drüber zugrunde gehen!“
So jagte der Fuhrmann, und sie kamen glücklich nach Warendorf. Die Äbtissin aber war nun nicht länger willens, den Spuk der Jungfer hinzunehmen und berief alle Geistlichen der ganzen Gegend, Jungfer Eli zu verbannen. Die Geistlichen versammelten sich auf dem Herrenchor und fingen an, das Gespenst zu zitieren. Und wenig später erschien die garstige Jungfer und ward mit vereinten Kräften in die Davert verbannt.
Die Davert ist ein Wald im Münsterschen, wo Geister umgehen und wohin alle Gespenster verwiesen werden. Alle Jahr einmal fährt nun noch, wie die Sage geht, Jungfer Eli über die Abtei zu Freckenhorst mit schrecklichem Gebraus und schlägt einige Fensterscheiben ein oder dergleichen, und alle vier Hochzeiten kommt sie einen Hahnenschritt näher.
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