Der unheimliche Wunderheiler
Kein Schloss ohne Schlossgespenst – auch nicht im Münsterland, wo es von Wasserschlössern und deren geisterhaften Bewohnern besonders viele gibt. Auch auf dem Schloss Raesfeld im Kreis Borken soll es nicht ganz geheuer zugehen, weshalb hier über hundert Jahre niemand wohnen mochte.
Denn vor langer Zeit begab es sich, dass der jüngste Spross der adeligen Familie, die das Schloss Raesfeld bewohnte, plötzlich an einem schlimmen Fieber erkrankte. Keiner der Ärzte der Umgebung wusste einen Rat oder konnte seine Schmerzen lindern. In der Nacht drang sein leises Wimmern durch die alten Gemäuer des Schlosses, dass es den Bediensteten, die zu dieser Stunde noch auf den Gängen unterwegs waren, ganz kalt wurde.
So ging es eine ganze Weile, bis sich eines Tages ein Wunderheiler aus einem fernen Land auf dem Schloss einfand. Er habe von dem traurigen Schicksal des jungen Grafen gehört und wisse womöglich ein Mittel gegen dessen Krankheit, behauptete der Mann. Voller Freude und Zuversicht gestatteten die besorgten Eltern ihm, den Jungen in seiner Kammer zu sehen.
Der Besuch des Wunderheilers dauerte nur kurze Zeit. Dann kam er die Treppe wieder herunter und nickte den Eltern zu. Er habe dem Jungen ein Mittel verabreicht und nun schlafe der junge Graf. Sobald er wieder aufwachen würde, werde es ihm an nichts mehr fehlen, sagte der Wunderheiler, ließ sich reich entlohnen, zog seinen Hut und verabschiedete sich sogleich. Doch der Junge wachte nie wieder auf.
Unter Tränen und Verwünschungen auf den seltsamen Gast, der sie so arg hinters Licht geführt hatte, bestattete die Familie den Knaben in der Gruft des Schlosses. Doch schon am nächsten Tag hatte die Wand seiner Gruft einen langen, tiefen Riss, der vom Boden bis zur Decke reichte. Da bekamen es der Graf und seine Frau mit der Angst, nahmen sie dies doch als sicheres Zeichen, dass ihr Sohn keines natürlichen Todes gestorben war. Wenig später verließen sie das Schloss und zurück blieb nur ihre Wirtschafterin mit einer Dienstmagd, die sich um das Notwendigste kümmern sollten.
Doch auch diese beiden fanden kaum eine ruhige Nacht. Denn sobald sich die Dämmerung über das Schloss gesenkt hatte, ertönte durch die kalten, hohlen Gänge wieder das leise Wimmern des kranken Knaben, doch die Quelle dieses Geräusches war nicht zu finden.
Als die zwei eines Abends am Herd saßen, begannen die Türen zu klappern, abermals war das leise Wimmern zu hören und mit einem Schlag erloschen die Flammen im Kamin. Da rafften die beiden Frauen so schnell sie konnten das Nötigste zusammen und waren in dieser Gegend nie wieder gesehen. Und noch heute, so behaupten einige, ist in besonders dunklen Nächten in den Gängen des Schlosses das leise Wimmern eines jungen Knaben zu hören…
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